Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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der Literatur; denn durch diese Bei-
hilfe erhält sie die Vollgültigkeit. Aller-
diugs darf da nicht jene Literatur allein
zu 3inte gezogen werden, welche in letzter
Zeit ansgebeutet wurde, jene dem fünften
und noch späterer Zeit ungehörigen Zan-
bergebete, welche um Gottes Hilfe anzn-
rnfen und zu bewegen, den Allmächtigen
in allen seinen Werken preisen, welche die
heilige Geschichte des Alten und Neuen
Bundes als besondere Gottestaten seiner
Barmherzigkeit und Güte anfführt. Es
steht uns ja eine reiche Literatur zu Ge-
bote, die ausschließlich von der Tanse
handelt und die am besten im stände ist,
die Katakomben- und altchristlichen Tanf-
symbole zu beleuchten, oder sogar nmzu-
denten. In letzterer Beziehung ist noch man-
ches zu tun. So sehr Msgr. Wilpert
auch literarische Parallelen aus Kirchen-
schriftstellern und Liturgie sprechen läßt,
diese Art der Behandlung ist noch nicht
erschöpft, und wir wollen im folgenden
versuchen, einiges beiznfügen.

2. Wirkliche Tanfdarstellnngen
Christi und der Katechumenen. A.
Jakoby veröffentlichte vor nicht langer
Zeit einen „bisher unbeachteten apokryphen
Bericht über die Taufe Jesu" I, angeblich
aus den apostolischen Konstitutionen stam-
mend, in welchem als Begleiterscheinungen
der Taufe Christi im Jordan eine Reihe
von wunderlichen Begebenheiten, wie das
Zurückweichen des Jordan, Aufbrausen
des Wassers, Feuerzeichen in und über
demselben. Erschallen einer Donnerstimme,
wohl auch die Anwesenheit von Engeln
geschildert werden. Zweifelsohne hat auch
apokryphe Literatur auf altchristliche Kunst
ihren Einfluß ansgeübt, ich erinnere nur
an die Krippendarstellnngen mit Ochs und
Esel, welche dem Psendo-Matthäusevange-
linm ihren Ursprung verdanken. In der
Tat zeigt eine Elfenbeinskulptnr von der
Kathedra des hl. MarimianNs (545 — 556)
von Ravenna auch das Erscheinen von
Engeln, welche am Ufer stehend die Klei-
der oder Tücher zum Abtrocknen bereit
halten 2). Ein Einfluß des apokryphen
Berichtes ans diese Scene ist also wohl an-

') Nebst Beiträgen zur Geschichte der Didas-
kalia der zwölf Apostel, Straßb. 1902.

2) I. Strzygowski, Ikonographie der Taufe
Christi 1885, 16.

> zunehmen. Dennoch lehnt Jos. Wilpert die
Vermutung A. Baumstarks *), daß auch
die älteste Darstellung der Jordantaufe in
der Lncinaregion der Kallistuskatakombe
von der apokryphen Erzählung beeinflußt
sei, ab. Die Darstellung gehört der ersten
Hälfte des 2. Jahrhunderts an. Wilpert
publizierte sie in Taf. 29, l2). Christus
als jugendlicher Mann steigt ans bem
Wasser, wobei ihm Johannes der Täufer
behilflich ist. Die Taube kommt gerade
herzngeflogcn. Allerdings hat Baumstark
recht gesehen, das Wasser ist in heftiger
Wallung, und es scheint als Nachfolge
der Taube eine zweite oder ein anderer
Gegenstand — Feuer — sich zu zeigen,
wofern letzteres Zeichen nicht bloß von der
verdorbenen Wandfläche herrührt; allein
wie Wilpert betont, ist gerade in dieser
Darstellung der evangelische Bericht des
Markus 1 9—11 so getreu wiedergegeben,
daß die Taube erst beim Heraussteigen
des Herrn ans dem Wasser sichtbar wird.
Wir haben also keinen Grund, daran zn
ziveifeln, daß der Maler nur den evange-
lischen Bericht darstellen wollte. Anßer-
dem sind in den Katakomben noch drei
weitere Scenen vorhanden, von denen die
eine in einer der Sakramentskapellen von
S. Callisto aus dem Ende des 2. Jahr-
hunderts das Charakteristische hat, das;
Johannes, wie der Herr im Wasser stehend,
die Taufe durch Uebergießung vollzieht,
während die zweite in der Katakombe der
hl. Petrus und Marcellinns ans dem
3. Jahrhundert den Herrn gemäß Luk. 3,21
betend darstellt, als gerade die Taube erd-
wärts schießt. Das dritte Bild der An-
nonaregion in S. Domitilla ans dem
Ende des 4. Jahrhunderts zeigt die später
traditionell gewordene Darstellung: Jesus
steht als Kind im Wasser mit herabhängen-
den Armen, Johannes hat den Fuß auf
einen Stein gestellt, während die Taube
in niederschießender Bewegung über dem
Haupte Christi sichtbar ist.

In der Basilika der hl. Nereus und
Achilleus am Eingänge in dieselbe Domi-
tillakatakombe wurde ein Sarkophag ge-
funden, welcher wie die acht weiteren be-

0 In der Besprechung der Arbeit von A.
Jakobl), Orlens LIrrisNnnus II 1902, 461 f.

2) Die Malereien der Katakomben Roms 1,
256 ff.
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