Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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kunstblatt", von M. Pietschmann, ebenso
1560 von D. Naab: „Madonna mit
musizierenden Engeln", Radierung nach
Professor W. Dürr. — Derartige Ver-
suche der Popularisierung der Kunst ver-
dienen volle Beachtung und möglichste
Förderung. Wer etwas kräftigen Realis-
mus ertragen und den hl. Petrus in
seiner profanen Fischergestalt hinnehmen
kann, der kann auch der Nr. 410: „Am
See Tiberias" von Ferdinand Graf
Harrach seinen Beifall nicht versagen.
Stimmung der Landschaft, Ausdruck der
Gesichter, Zusammenordnung der Figuren
machen das Bild zu einer würdigen Dar-
stellung des Moments, da der Herr die
Frage an Petrus richtete: Liebst du mich?
und wenn wir dieselbe anch nicht gerade
in eine Kirche wünschen möchten, so doch
in einen großen, vornehm ausgestatteten
Raum.

An Werken der Plastik ist nicht viel,
aber Tüchtiges zu nennen. H. Kaufmanns
St. Georg ist zwar etwas verträumt
(Nr. 1364) itub der Anachvret (Nr. 1369)
von M. Klein etwas realistisch, aber
tüchtiges Können verraten sie doch. An
dem betenden Mönch von Th. G. M.
Blickcse (Nr. 1301) kann man eine rück-
haltlose Freude haben.

Die ausgestellten Grabdenkmäler (Nr.
1323) von B. Frpdag, Nr. 1345 von
I. Hinterseher, Nr. 1455 voll O. Niesch
sind alle des Gegenstandes würdig,
Nr. 1323 ist noch besonders empfehlens-
wert, sofern es den ganzen Gegenstand
in eine höhere Sphäre rückt i>nd ihm ein
positiv christliches Gepräge verleiht: auf
einem predellenartigen Ausbau eine treff-
liche Grablegung Christi en relief. „Das
heilige Abendmahl" (Nr. 1454) von
O. Richter. „St. Martin" (Nr. 1409)
von I. Möst (Holzstatnette, bemalt) ver-
dienen gleichfalls Anerkennung. „Christus
ani Kreuze" von I. Fädrusz (Nr. 1314)
machte trotz der bunten Umgebung in der
Ausstellung einen tiefen, feierlichen Ein-
druck und müßte in einem gottesdienst-
lichen Raum oder einem Kreuzgang noch
ganz anders wirken.

In „Kain" von F. Heinemann ist die
Wucht der Sündenlast im Lapidarstil ans-
gedrückt (Nr. 1335) und in E. Hundriesers
„Eva" (Nr. 1352) ist der Reiz der Ver-

suchung und das Schwanken zwischen
Widerstand und Einwilligung in sprechender
Weise zur Darstellung gekommen. Noch
mehr gilt dies von Nr. 1498: »eritis
sicut Deus« von W. Wandschueider.
Selten sind die Gefühle, die Eva in der
Versuchung beseelt haben mögen, so packend
geschildert worden. Nur scheint i»is beim
einen und andern Zug Dürer Pate ge-
standen zu haben.

Ein würdiger religiöser Zinlmerschmnck
wäre Nr. 1456 : Christus, Bronze, von
O. Niesch. Christus, an die Säule ge-
bunden, die Modellierung leicht und doch
nicht verschwonunen.

Damit ist unser Rilndgang abgeschlossen;
denn die kunstgewerbliche Abteilung bietet
nichts an religiöser Kleinkunst. Wir
scheiden nicht mit dein erhebenden Gefühl,
Dinge gesehen zu haben, die den genialen
Zug, die majestätische Größe und religiöse
Tiefe der Glanzperioden christlicher Kunst-
geschichte zeigen, aber wir hatten doch
keine bizarren, trivialen, abstoßenden Züge
zu registrieren, wie sie eine Zeitlang die
heiligen Gestalten und Ereignisse verun-
zierten. Vielfach war tüchtige Technik
und würdige Ausfassnng zu konstatieren,
immerhin Vorbedingungen für eine ge-
deihliche Entwicklung der christlichen Kunst,
aber allerdings noch lange nicht deren
Verwirklichung.

Die Bilder des Zodiakus oder Tier-
kreises. Die Kapelln von Belsen.

Von Pfarrer Reiter, Deka».

Wenn wir die oft sonderbaren Gebilde
und Gestalten an den alten Kirchenge-
bäuden betrachten, will uns bisweilen ein
Gefühl der Unbehaglichkeit und Unzufrieden-
heit beschleichen °. wir möchten gerne wissen,
was diese Dinge zu bedeuten haben, und
wir bleiben im ungewissen: die Figuren
schauen uns an, als ob sie uns necken
oder verspotten wollten. Daneben gibt
es wieder Zeichen, welche uns zwar im
ersten Augenblick auch fremdartig und
rätselhaft Vorkommen, die aber bei näherer
Betrachtung doch mehr und mehr ihr
rätselhaftes Wesen verlieren. Zu den
Zeichen der letzteren Art gehören die Bilder
des Tierkreises, über deren Verwendung
und Bedeutung die folgenden Sätze handeln
sollen.
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