Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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Die 12 Zeichen dcS Tierkreises oder
Zodiakus fanden ehedem in der heidnischen
Kunst mannigfache Verwendung und wurden
namentlich zum Schmucke der Pavimente
benützt. Ans dem Heidentum ging diese
Art, den Fußboden zu schmücken, auf das
Christentum über, und fo erscheinen die
Zeichen oder Bilder des Zodiakus auf
vielen Pavimenten der alten Kirchen, z. B.
zu Palermo, Carthago, in der Kirche
S. Chrisiophorns zu Tyrns n. s. w. Auch
in späterer Zeit erhielt sich diese Ver-
wendung zum Schmucke des Bodenbelags,
nur daß man sich mehr und mehr von
den heidnischen Einflüssen losznmachen
suchte Ilnd durch Verbindung der Tier-
zeichen mit anderen Motiven ihnen eine
höhere Bedeutung znwies. Tie sonder-
baren Zeichen mit den Paradiesesströmen,
den vier Kardinaltugenden und mit bildlichen
Sccnen ans dem A. V. sollten so eine
Art Grundlage des Glaubens darstellen
(Praeambula fidei). Im weitesten
Sinne mochte man in ihnen das Alter
des Menschen und die Wechselfälle des
Lebens, die Verbindung von Zeit und
Ewigkeit ansgedrückt sehen. Wir haben
den Zodiakus nur einmal ans einem
Paviment beobachtet und zwar in der
romanischen Fideskirche zu Schlettstadt,
wo derselbe wohl bei der vor einigen
Jahrzehnten vollzogenen Restauration an-
gebracht wurde.

Wie auf dein Fußboden, so erblickt
man die Zeichen des Tierkreises oft auch
an den Portalen oder Eingängen der
mittelalterlichen Kirchen. Nicht selten sind
dabei die jeweils fälligen Monatsarbeiten
zur Anschauung gebracht, welche, selbst
wieder durch lokale und klimatische Ver-
hältnisse bedingt, bei den verschiedenen
Kirchen der verschiedenen Länder wechseln.
Mithin erscheinen diese Bilder als Ableger
von jenen Darstellungen, wie sie sich in
alten Kalendern und alten Miniaturen
finden, und wie sie in der im Jahre 1886
von Max Hnttler in Augsburg heraus-
gegebenen „Hinimelsstraße" nachgeahmt
sind. Die Frage nach der Bedeutung des
Zodiakus an den Portalen dürfte leicht
zu lösen sein. Wenn man schon an pro-
fanen Gebäuden die Eintretenden durch
bildliche Darstellungen zu einem tugend-
haften Leben mahnen wollte, so lag es
doppelt nahe, dieses bei den Gotteshäusern

zu tun. Und so mochten die Zeichen
des Tierkreises oder der Atonale in Ver-
bindung mit den Mouatsarbeitcn den
Kirchenbesuchern sagen, daß sie das bürger-
liche und kirchliche Jahr wohl verstehen,
ihre Arbeit heiligen, daß sie über die
irdischen Angelegenheiten hinweg ihren
Blick zu ihrer höheren Aufgabe wenden
sollen. Gewiß eine leicht verständliche
Predigt, und diese Predigt mochte und mag
auch vielfach im Inneren der Kirchen
ertönen, von dem Pavimente her, von
den Seitenmänden und von der Decke
herunter. In letzterer Hinsicht wird freilich
noch ein anderer Gedanke betont werden
müssen.

Der Plafondschmnck soll vor allem an
den Himmel selbst, oder an die himm-
lischen Regionen erinnern. Diesem Zwecke
kann der Zodiakus recht gut dienen, und
wird er auch in vielen Fällen gedient
haben oder noch dienen. Wir denken da
an den Zodiakus im Chor der S. Anna-
kirche in München, an den Zodiakus im
Sei iss der Kirche zu Mühlheim a. d. Donau
und im Schiff der Kirche zu Degerloch.
Auch der Tierkreis am Südportal der
Heiligkreuzkirche in Gmünd ist hieher zu
zählen, sofern er dort die Idee aussprcchen
soll, daß Gott Himmel intb Erde erschaffen.
Desgleichen rechnen wir hieher eine Zeich-
nung in dein Buche „Die Himmelsleiter"
von Direktor Beetz in Weiterdingen. Wir
sehen daselbst die Sonne, um sie 12 Sterne,
in einem weiteren Kreise viermal die
Mondkugel und dazwischen je drei Zeichen
des Tierkreises. Die Scheibe will das
Firmament oder das Himmelsgewölbe zur
Darstellung bringen, welches selbst ein
Symbol Mariens ist, wie das im bei-
gegebeneu Text weiter begründet wird.
Und nun zu einer außerordentlichen Sym-
bolik!

Wir haben früher einmal ansgesührt,
daß bei den Kirchen das Schiff den
Status viae, das Querschiss den Status
irrorti3, und der Chor den Status gloriae
bedeute. Zum Status gloriae passen
nun ganz vorzüglich die Bilder der Apostel,
und wir freuen uns immer, so oft wir
dieselben im Chore in der Nähe des Hoch-
altars erblicken, sei es, daß es sich um
Reliefdarstellnngen handle (S. Christina),
oder um Gemälde (Ergenzingen). Wo
der Herr ist, da sollten auch seine Diener
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