Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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fein. Früher hat inan diesem Gedanken
in mannigfacher Weise Rechnung getragen
und deswegen im Chor nicht bloß die
Bilder der Apostel angebracht, sondern
auch jene Zeichen, welche geeignet waren,
an die Apostel zu erinnern. Das waren
die Zeichen des Zodiakalkreises, deren
Zwölfzahl schon ans die Zwölfboten hin-
weist. Diese Zeichen werden aber anch noch
aus einem anderen Grunde als Sinn-
bilder der Apostel gegolten haben. Wenn
Christus der Herr zu den Aposteln sagt:
„Ihr seid das Licht der Welt", so war
damit von selbst eine Beziehung zu dem
Sternenhimmel gegeben, so daß die Apostel
als besondere Gestirne mit den Sternen oder
Sternbildern beziehungsweise ihren Zeichen
znsammengestellt wurden. Im Chor erschei-
nen die Zodiakalbilder, soweit uns bekannt
ist, in der neuen Josephskirche in Colmar, und
im altehrwürdigen Münster zu Konstanz,
wo nach einer Angabe von Kraus Widder
und Zwillinge ans früherer Zeit noch gut
erhalten sein sollen.

Auf alten Zeichnungen, Stichen und
anch an Kirchen sind die 12 Tierkreis-
zeichen mit Maria in Verbindung gebracht,
und wir haben schon die Erklärung gelesen,
daß in diesem Fall Maria als Königin
der Apostel dargestellt sein soll. Als solche
schwebe sie unter dem Zodiakus, während
sie als unbefleckte Mutter gekennzeichnet
sei, wenn sie unter dem Zodiakus stehe
mit der Uelerschrift: Lol in virgine -
die Sonne im Sternbild der Jungfrau,
wobei die Möglichkeit obwaltet, bei so!
sowohl an Christus als anch an Maria
zu denken. (In sole pvsuit tabernacu-
lum suriin. Psalm 18, 6.)

Damit haben wir in allgemeinen Um-
rissen die Bedeutung des Tierkreises, in-
sofern er einen Bestandteil des ikono-
graphischen Materials für unsere Gottes-
häuser bildet, auseinandergesetzt und wir
haben nur noch anzufügen, daß man seine
Zeichen von alters her auch auf Paramenten,
kirchlichen Geräten oder liturgischen Gegen-
ständen findet (Salemer Zodiakusmon-
stranz?). In neuester Zeit hat man den
bischöflichen Thron in dem Mariä-Em-
pfängnisdoin mit den Bildern des Zodiakus
geschmückt.

Es entsteht nun für uns die Frage,
ob der Tierkreis stets als Ganzes erscheine,
oder ob nicht auch einzelne Bilder des-

selben für sich zur Darstellung kommen
und welche Bedeutung sie dann haben
mögen. Einige Andeutungen!

Wir entnehmen dem „D. -A. von
Schwaben" (1893 Nr. 8) die Notiz, daß
der Widder und der Stierkopf als
Zodiakalbilder sich an der Schottenkirche
in Würzburg, am Münster in Straßburg,
in Schwarzach, am Speirer Dom und in
Maulbronn angebracht finden. Wie ist
diese Notiz gemeint? Setzt sie das Vor-
handensein des ganzen Zodiakus voraus,
oder will sie sagen, daß nur die zwei
genannten Bilder an gewissen Stellen der
gedachten Gebäude erscheinen? Erstere
Annahme scheint den Vorzug zn verdienen,
und unter dieser Voraussetzung hätten wir
uns dann nicht weiter mit derselben zu
beschäftigen. Sicher ist, daß ein Portal
der Abteikirche zu Sainl-Deni8 nur einige
Zeichen des Tierkreises zeigt, wobei freilich
die Möglichkeit besteht, daß die anderen
Zeichen teilweise zerstört worden sind
(Viollet-I^e-Ouc Art. Zodiaqne).

Ein anderes Beispiel führt uns in
unserer Betrachtung etwas weiter. Am
Martinsmünste'r zu Colmar im Elsaß erblickt
man ans der Südseite die Muttergoltes
mit dem Kinde, und auf dem Baldachin
das Zeichen des Steinbocks. Was soll
das bedeuten? Handelt es sich hier um
eine pure Spielerei, so daß auch ein anderes
Zeichen oder ein anderes Tier für den
Baldachinabschlnß hätte gewählt werden
können? Oder ist das Zeichen des Stein-
bocks in Verbindung zu bringen mit dem
Monat Dezember, wonach uns dasselbe
künden würde, Jesus sei im Zeichen des
Steinbocks geboren?

Damit kommen wir zu der Kapelle in
Belsen, OA. Rottenburg, über welche schon
so viel geschrieben worden ist. Bekanntlich
sind es vor allem die Tierköpfe an der
Westwand, welche das Interesse des
Forschers erregen. Dieselben sollten bald
Attribute heidnischer Gottheiten sein, bald
von einem römischen Tanrobolien — oder
auch Jupiteraltar stammen. Diejenigen,
welche den Vau der Kapelle später an-
setzten und dieselbe als Wallfahrtskirchlein
betrachteten, haben in den Köpfen Votiv-
bilder gesehen und gemeint, dieselben
wollen besagen, daß hier auch für Tiere
Heilung zu finden sei. Im Kunstblatt
von 1845 wurde von Merz die Ansicht
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