Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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ausgesprochen: Die Bilder samt und
sonders stammen aus derselben Zeit wie
die Kapelle, aus der zweiten Halste des
elften Jahrhunderts .... Die obere Bilder-
grnppe stelle den Hohenpriester dar, wie
er nach alttestamentlichem Typus einen
jungen Farren zum Siiudopfer und einen
Widder zum Braudopfer für sich und
zwei Ziegenböcke als Siiudopfer und einen
Widder zum Braudopfer für das Volk
bringt, nach Hebräer 13, 11 und 12
außen vor dem Tor. Wir könnten, wenn
wir die Tierköpfe au sich betrachten, uns
recht leicht dazu verstehen, hier einen Hin-
weis auf das Opfer Christi auzunehnien,
da ja Stier und Widder vielfach als
Symbole desselben erscheinen. Namentlich
gilt das von dem Widder, dessen Bild
in Verbindung mit dem Opfer Abrahams
auch in dem „Spiegel des menschlichen
Heiles" als der alttestamentliche Typus
zu dem ueutestamentlichen Tode Christi
am Kreuz (Antitypus) anfgefaßt wird.
Vielleicht ist auch der Widder im ehemaligen
Wappen des Klosters von Salem ans diesem
Grunde, sei es direkt oder indirekt, in
dasselbe hiueingekommeu. Eine auf den
ersten Anblick kühne Erklärung gibt Mone
in dem schon genannten „Diözesan-Archiv
von Schwaben" aus dem Jahre 1893.
Die zwei neben einander gestellten Widder-
köpfe, sagt er, sind nichts anderes als die aus
den alten Kalendern bekannten Abkürzungen
des Widders im Tierkreise. Die Tage
des Kalenders wurden im Mittelalter
(noch bis ins 16. Jahrhundert) ans den
Wandkalendern nicht von oben nach unten
aufgezählt, sondern von der Rechten zu
der Linken, gerade ebenso wie sie ans den
Rnnenstöckcn auch bildlich dargestcllt sind.
Die zwei Widderköpfe (oben unter dem
Kreuz) sollen mithin zwei ans einander
folgende Tage bezeichnen, welche beide im
Himmelszeichen des Widders stehen. Die
anderen drei Köpfe, welche weiter unten
sind, erklärt Mone in ähnlicher Weise.
Dieselben l ezeichnen nach ihm einen Tag,
welcher unter dem Zeichen des Stieres
steht und welchem drei Tage vorangingen,
die unter dem Zeichen des Widders standen.
Es wäre also nach dieser Annahme gerade
so verfahren worden, wie bei den schon
im frühen Mittelalter bis ins 18. Jahr-
hundert in den Kalendern sich findenden
Bildchen von der „Aderlaßtafel" oder dem

„Aderlaßmännchen", wo alle Tage des
Jahres ausschließlich nach dem Zeichen
des Himmelskreises benannt sind.

Wir können uns ans diese Erklärung
nicht weiter einläfsen, dagegen möchten
wir noch einige Mitteilungen machen,
welche für den Forscher einen kleinen
Wert haben dürften. Es ist festgestellt
worden, daß die Kapelle etwa von 1450
bis 1541 den hl. Maximin und den hl.
Johannes den Täufer als Himmelspatrone
gehabt hat. S. Maximin deutet ans
Trier, und es erhebt sich deshalb die
Frage, wie Trier und Belsen zusammen-
oekommen seien.

Möglich, daß durch Pilger ans Schwaben
Güter bei Belsen an S. Maximin geschenkt
wurden, welche dann zur Gründung einer
eigenen S. Maximin- und Johanneskapelle
in Belsen selbst verwendet worden sein
mochten. Auch das wäre möglich, daß
ein Trierer Erzbischof oder Weihbischof,
der aus Schwaben gebürtig war, diese
Kapelle in seiner Heimat ex voto gebaut
hätte. Wenn später im Jahre 1678
Agnes Apollonia von Neuneck ihre Be-
sitzungen zu Glatt im Okl. Haigerloch dem
Domstifte Trier vermachte, an welchem
ihr Oheim Johann Wilhelm von Elz als
Dechant wirkte, so konnten auch in früherer
Zeit Beziehungen ähnlicher Art zwischen
Trier und Belsen geknüpft worden sein.

Was die Verehrung des hl. Maximin
anlangt, so ist wohl geltend gemacht
worden, daß in keinem?ropriunr sanc-
torum und in keiner Allerheiligenlitanei
der Diözese Constanz der Bischof Maximin
sich findet, und daß die großen Hymnen-
sammlnngen von Mone und Galt Morel
kein einziges Lied oder Gedicht oder keinen
einzigen Wallfahrtsgesang auf den hl.
Maximin enthalten, ja selbst der älteste Hym-
nensammler, Heinrich Bebel in Tübingen,
kenne keinen Hymnus auf diesen Heiligen.
Auch habe man bisher in Schwaben keine
Abbildung des hl. Maximin ans Altar-
bildern, Wandmalereien, Antependienein-
sätzen n. dgl. gefunden. Ebensowenig
komme der Name Maximin in den Neli-
gnienverzeichnissen der älteren Kirchen in
Schwaben vor. — Wir haben einige
Spuren der Verehrung des hl. Maximin
in unserer Gegend gefunden. 'Nach Stückel-
berg (Geschichte der Reliquien in der
Schweiz) werden um die Zeit von 875
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