Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

Seite: 113
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tscrausgegebeii und redigiert von Pfarrer Dctzel in St. Lhristina-Ravensbnrg.

Verlag des Rottenbnrger Diözesaii-Riinstvercins;
Kommissionsverlag von Friedrich Alber in Ravensburg.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für M. 2.— durch die wttrttembergischen, M. 2.20
durch die bayerischen und die Reichspostanstalten, Kronen 2.64 in Oesterreich, Frcs. 3.40 in
der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden auch angenommen von allen Buchhandlungen TQO/1
sowie gegen Einsendung des Betrags direkt von der Verlagsbuchhandlung Friedrich Alber in s
Ravensburg (Württemberg) zum Preise von M. 2.05 halbjährlich.

Neuere Knust iu Berlin und
Dresden.

Von Stadtpfarrer vr. Ehrhart in Heidenheim.

Berlin und Dresden hatten vom Mai
bis Oktober größere Knnstausstellnngen;
Berlin hatte die seinige im Ausstellungs-
park nahe beim Lehrter Bahnhof, Dresden
hatte sie im „Großen Garten". Ich hatte
Gelegenheit, beide vielbesuchte Ausstellungen
im Monat August zu besichtigen. Im
solgeudeu sei ein kurzer Bericht über sie,
besonders über die in Dresden gegeben,
sonne über die Abteilungen der neueren
Kunst in den berühmten Gemäldegalerien
beider Städte.

Mauchen Lesern dieser Zeitschrift dürfte
ein neueres Bild, „Die Feinde der Kunst",
bekannt sein, eine gelungene Satire auf
gewisse moderne Knustrichtnngeu. Vor
einem Altar mit dem heiligen Feuer steht
schützend und wehrend der Genius der
Kunst, eine ideale Jünglingsgestalt; die
eine Hand trägt den Lorbeer, die andere
ist abwehrend erhoben. Zur linken Seile
des Altares steht ein griechischer Tempel,
zur rechten griechische Tongefäße. Vorn
stürmen die Feinde heran gegen den
Altar: ein wilder Hippo - Centaur, ein
kenlenschnnngender Dienstmann und ei»
Ritter in Stahl und Eisen, auf einem
Eber mit mächtigen Stoßern ansprengend.
Der Hippo-Centanr symbolisiert die Se-
zession mit dem Feldgeschrei: „nur wir!",
der Ritter auf dein Wildschwein die
Jugend; der Dienstmann mit seiner wuch-
tigen Keule symbolisiert die Reklame,
welche Secession und Jugend für sich
machen. Zwei ans vollem Halse schreiende

Hähne verkünden den Ruhm und die Herr-
lichkeit der modernen Kunst. Der Hinter-
grund ist architektonisch gehalten mit phan-
tastisch-monströsen Gebäuden.

Wer die Ausstellungen iu den letzten
Jahren, sei eS in München oder Düssel-
dorf oder sonstwo, gesehen, wer in diesem
Sommer die genannten Ausstellungen in
Berlin und Dresden gesehen, wird jene
Satire im Bild nicht unberechtigt finden. *

Ein Gang durch die beiden Ausstellungen
zeigt wohl viel Fleiß und Eifer, Streben
und Ringen; man sieht viel Farbe und
Form, allein der Form ist vielfach die
Schönheit und dem Ganzen die Seele
entflohen. Bor 100 Jahren schon klagte
Göthe (Gespräche mit Eckerinann): „Unfern
jungen Malern fehlt es an Geist und
Gemüt; ihre Erfindungen sagen nichts
und wirken nichts; sie malen Schwerter,
die nicht hauen, Pfeile, die nicht treffen,
und es drängt sich mir oft auf, als wäre
aller Geist ans der Welt g c -
s ch iv n n d e n." Was würde er jetzt sagen,
wenn er diese moderne Landschaftsmalerei
sehen würde, diese toten Wiesenflächen mit
dem schreienden Grün, belebt von keinem
Baum, keinem Lebewesen, bar jeden Ge-
dankens; diese Aehrenfelder, gefurcht und
schmntziggelb mit den vielen, vielen Klatsch-
rosen ; diese Seen und Meere, die vielfach
nur einen großen, wüsten Farbenfleck, dar-
stellen; diese Körbe voll braunroter Kraut-
köpfe, von denen selbst der klügste Bauer
im ersten Augenblicke nicht errät, was die
Sache bedeuten soll?! Was würde der
kunstsinnige Dichter sagen, wenn er wan-
dern könnte durch diese grauen, blauen,
roten und grünen Kabinette, wo diese
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