Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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ausschließlichen und zum Teil grell auf-
getrageneu Farben einen wahren Höllen-
spetakel vor den Augen anfführen, wo
man bei langem Verweilen augenkrank
werden mußte?! Es s cheint, „als wäre
aller G e i st a u s der Welt v e r -
s chwnnden" und nur n och Farbe da.

In solcher Farbenwüste und Geistesöde
kommt dem Besucher das Kabinett von
Konsul Dr. Weber mit Conrbets „Stein-
klopfern", bem soldat nourrice von H.
Vernet u. a. m. vollends die Ravenesche
Galerie wie eine erquickende Oase vor.
Hier springen die Quellen der Phantasie
und des Gemütes und nicht bloß des
Farbtopfes. Hier findet man Hasenclever
mit seinem köstlichen Humor (Jobsiade
und Weinprobe), Ad. Menzel, den be-
rühmten Koloristen, Hildebrand's Rio de
Janeiro, eine Landschaft, die ähnlich wie
Oswald Achenbachs italienische Landschafts-
bilder den ganzen Zauber und all die
Poesie des Südens ahnen lassen. -
Verhältnismäßig das Beste in beiden
Ausstellungen waren die kleineren Stücke,
Hand- und Federzeichnungen. Hier fand man
zum Teil Treffliches, wie namentlich von dem
Schweden Karl Larssohn und dem Russen
Konstantin Samoff, denen besondere Ka-
binette eingeräumt waren. Freilich war
auch hier viel Mittelmäßigkeit und Geistes-
armut. Die Sujets gehörten vielfach
der politischen Satire und einer phan-
tastischen Symbolik an. Neben eigenen
Kollegen und Künstgenossen, Redakteuren
und Kritikern waren E. Richter, die „rote"
Klara Zetkin n. a. politische Persönlich-
keiten persifliert. Ein Hans Meyer aus
Kissingen zeigte sich als Maler und Dichter
zugleich: ein Träger der Tiara, unsanft
vom Tode gefaßt, darunter die Verse:
„Viel älter als dein ewiges Rom
Ist meiner Pilger-Reise
Ka ■& ’ öääov (!) kommt der Wall-
sahrtsstrom —

Schließ' hinten an dich leise."

Desgleichen von demselben Künstler und
Dichter ein Mönch, durch den Tod weg-
gerisseu von einem großen Geldsacke! Bild
und Dichtung sind in beiden Fällen gleich-
wertig. Darf man da nicht denken an
das Wort: „Das Kleine ist gar oft ein
Schlupfwinkel, wohin sich Mittelmäßigkeit

und Schwäche verbirgt und bei Weibern,
Kindern und Unverständigen großtut."

Es soll indes nicht geleugnet werden,
daß auch an größeren Werken manches
wirklich Schöne sich in den beiden
Ausstellungen findet, so von Cesare Ti-
ratelli „Fest in Ceccano",') ein Bild
ebenso schön in seiner Farbenharmonie
wie in der poetischen Auffassung; O. Achen-
bachs rocca di Arei, Andr. Achenbachs
„Untergehendes Schiff" n. a. Reben
Düsseldorf, Dresden, München und Nürn-
berg war b e so nd e rs S t u tt g a rt in der
Dresdener Ausstellung gut vertreten. Von
dem bekannten Künstler 9t o b e r t H a u g
war ein größeres Kriegsbild mit der goldenen
Plaquette ausgezeichnet, ein kleineres an-
gekauft worden wie auch die heiligen drei
Könige von Ehr. Speyer. Die Düssel-
dorfer und Stuttgarter Abteilung haben
mich am meisten befriedigt; München war
zu ungleichmäßig vertreten. Wenig ge-
fallen hat mir Karlsruhe, Königsberg,
Wien (Sezession), Weimar und Hamburg.

Otto Greiners „Odysseus und die
Sirenen" war in einzelne Teile zerrissen
und stückweise in Dresden ansgestellt.
Das Bild befindet sich in erster Aus-
führung in Leipzig. So oft ich auch
das Bild betrachtete, ich konnte mich
dafür nicht erwärmen. Die ganze Auf-
fassung des BildeS schien mir verfehlt:
alles nackt und kahl, Schiss und Schiffer,
Felsen und Bäume; in den Sirenen kommt
weder das Bezaubernde noch Dämonische
zum Ausdruck; nackte, gewöhnliche Weiber.
Die Alten haben wohl die Sirenen mit den
Flügeln und Vogelklauen richtiger anf-
gefaßt und dargestellt. — —

Es ist wohl möglich, daß meine Be-
urteilung die alten überlieferten Schön-
heitsbegriffe zu viel beeinflußten. Die
neuere Kunst hat ja ihre eigene Aesthetik.
Interessant ist in dieser Hinsicht eine
Aenßerung Ibsens in einem Briefe vom
15. Juli 1869 an G. Brandes (Neue
Rundschau, Seplemberheft): „Ich beuge
mich natürlich den Gesetzen der Schönheit,
aber n m ihre herkö m m l i ch e n
U eberliefern ngen kümmere ich
mich nicht. Sie führen Michel Angela

’) cfr. zu dom Bilde Tnrantellis die farben-
prächtige Schilderung des Festes in„Gregoro-
v i u s Wauderjahre in Italien" Band 2.
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