Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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an; nach meiner Ansicht hat reiner mehr
gegen die Schönheitsüberlieferungeil ge-
sündigt als er; aber alles, was er ge-
schaffen hat, ist trotzdem schön, denn es
ist charaktervoll. Rafaels Knifft hat mich
eigentlich nie erwärmt; seine Gestalten
sind vor dem Sündensall zn Hanse uitb
der Südländer hat eine andere Aesthetik
als wir; er will das formal Schöne; für
nns kann s e l b st das formal U n -
schöne schön sein, kraft der ihm
i n n e w o h n e ii d e n W a h r h e i t." Also
keine Ueberliefernng, sondern vollster Sub-
jektivismus ! Ans diesem Wege kommt
man auch in der Knifft dazu, daß man
nur danach trachtet, „wie man sein ei-
genes Selbst bemerklich mache und vor
der Welt zu möglichster Evidenz bringe".
Göthe wird gegen Ibsen recht haben, wenn
er meint: „Es geht durch die ganze
Kunst eine Filiation. Sieht mau
einen großen Meister, so findet mau immer,
daß er das Gute seiner Vorgänger be-
nutzte, und daß eben dies ihn groß
machte. Männer wie Rafael wachsen
nicht aus dem Boden. Sie fußten auf
der Antike und dem Besten, was vor
ihnen gemacht worden." Einen ähnlichen
Gedanken hat der Kaiser jüngst bei Er-
öffnung des Museums „Kaiser Friedrich"
ausgesprochen. Was wird dazu der
„Knnstwart" wohl wieder sagen? Freilich
auch die Modernen haben ihre Götter,
die sie verehren und anbeten, heißen sie
nun Klinger oder Böcklin. Entlehnniigen,
anklingende Motive ans des erstereii
„Brahms Phantasie" findet man häufig;
von Böcklin scheint namentlich die Toten-
insel es vielen angetan zn haben.

II.

Einen völlig anderen Eindruck als in
den beiden Ansstellnilgen gewinnt man
von der neueren Knifft in den großen
und berühmten Galerien von Berlin und
Dresden, im Alten und Neuen Museum
und im Zwinger. Gerade die Abteilungen
der neueren Knifft haben mich daselbst be-
sonders angezogen; hier findet man meister-
hafte Farbentechnik und -stimmung, Geniales
in Erfindung und Darstellung. Die berühm-
testen Künstler sind hier vertreten, in Berlin °.
G. Spangenberg mit dem berühmten Zug
des Todes und Wiedersehen im Jenseits;

Gebhard mit seinem Abendmahl und der
Himmelfahrt; Haneberg mit Jagd nach
dem Glück; C. von Pilotp, Abschied des
sterbenden Alexander; Makart, Katharina
Cornaro; Schirmer, Abraham und Hagar,
Sodoma; Will), von Kanlbach, Schlacht
bei Salamis; G. Richter, Tochter des
JairnS; K. Janffen, Steinschlägerin;
Adam, Rückzug ans Rußland; W. Firle,
Morgenandacht im Waisenhanse. O. Achen-
bach, Amalfi und Holländischer Hafen; Se-
gantini, Trübe Stunde und Ritoriro al
paese natale; Will). Niesstahl, Allerseelen-
tag in Bregenz! n. a. Die meisten dieser
Gemälde, sämtliche in Berlin, sind welt-
berühmt und durch Zeitschriften fast all-
gemein bekannt und verbreitet. Mit F.
Uhde kann man sich auch in solcher, 511111
Teil neuester Umgebung immer noch nicht
recht befreunden. Berlin besitzt sein „Komm
Herr Jesu, sei unser Gast", Leipzig „Lasset
die Kleinen zn mir kommen", Dresden
„Die Geburt Christi". Dieser Nietzsche
in der Malerei, der hauptsächlich eine
Umwertung der bisherigen künstlerischen
Werte anstrebt, wird wohl stets schwankend
beurteilt werden, wenn ihm auch eine
gewisse Genialität nicht abznsprechen ist.

Von A. Fenerbach besitzt die Berliner
Galerie: Medeas Abschied, die berühmte
Amazonenschlacht, Ricordo di Tivoli
und das Gastmahl des Platon (in größeren
Verhältnissen als das in Karlsruhe). Die
Medea besonders ist eine dämonische Ge-
stalt, ganz wie in Grillparzers großer
Trilogie. Neben Feuerbach sei ein anderer
Großer im Reiche der Knifft gestellt:
A. Böcklin. Ich möchte ihn den Chopin
in der Malerei nennen; geniale, poetische
Ideen zeichnen seine Gemälde ans und
eine Farbenpracht in der Darstellung, wie
wir sie in der Harinouieführnng des be-
rühmten polnischen Musikers finden. Wie
„Noktnrnen" im Bilde und in der Farbe
kommen mir manche Bilder von Böcklin vor.

„Die Knifft muß dem Mann Feuer aus
dem Geiste schlagen", pflegte ein berühm-
ter Mann zu sagen; nirgends so wie bei
den Spaniern und bei Böcklin fühlte ich
das Feuer im Innern flammen. Böcklin
wurde einmal gefragt, wie er sich diese
Farbengewalt angeeignet habe; er soll
erwidert haben, am meisten habe er beim
Schöpfer gelernt, dieser sei der größte
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