Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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Maler und wisse die Farben zu den
schönsten Effekten und in feinsten Stim-
mnngen zusammenzustellen.

Ein glücklicher Zufall fügte es, daß ich
in Berlin eine größere Sammlung von
Gemälden Böcklins besichtigen konnte, auch
solcher, die sich in Privatbesitz befinden
und der Galerie für einige Zeit über-
lassen wurden. Es waren ansgestellt:
Altrömische Maifeier, der Eremit, Pieta,
Meeresbrandung, Gefilde der Seligen,
Selbstbildnis init dem geigenden Tode,
Frühlingstag, Herbstgedanke, Salome,
Flora, Pan, Dryaden, Fischpredigt des
hl. Antonius, Meeresidylle, Melancholie
und die Toteninsel, diese in mehrfacher,
variierter Ausführung. — Die Melancholie
reicht in Hinsicht ans Tiefe der Konzeption
an Dürers Bild freilich nicht hin. Dürer
faßt die Melancholie in ihrem innersten
Wesen, Böcklin veranschaulicht sie durch
Kontraste.

Der Böcklinsanl war in Berlin weitaus
der besuchteste. Hier wird eben nicht
bloß dem Auge, sondern auch dem Geiste
Großes und Schönes geboten. Hier herrscht
schön e Ordnung und Maß und ist
keine Anarchie der Linien und
Formen, kein Chaos in Farben
und Gestalten; hier und bei den oben
Genannten findet man den Glauben wieder
an die Knust, und noch mehr in Dresden
als in Berlin.

Denn nicht weniger interessant und noch
reichhaltiger als in Berlin ist die Ab-
teilung für n e u e r e K n n st i n D r e s d e n.
Die Dresdener Galerie zählt ja überhaupt
neben der in Paris, Madrid und Florenz zu
den berühmtesten. Der Reichtum an Ori-
ginalwerken des Mittelalters und der
Renaissance ist ei» großer. Hier begegnen
uns alle die großen Italiener, Spanier
und Niederländer; namentlich die Nieder-
länder sind in den berühmtesten Namen und
Werken zahlreich vertreten. Die neuere
und neueste Zeit reiht sich den früheren
würdig an. Die Direktion der Galerie
verdient für den Geschmack und Feinsinn
in der Auswahl und in den neuen Er-
werbnngen alle Anerkennung. Böcklin ist
vertreten mit „Ein Sonnentag", „Der
Krieg", „Frühlingsreigen"; O. Achenbach
mit „Am Golf von Neapel" und „Rocca
di Papa"; Hans Thoma mit „Hüter des

Tales"; Makart mit „Der Sommer";
Max Klinger mit „Beweinung Christi";
Theob. Oer mit „Besuch bei Albr. Dürer";
Rud. Jordan mit „Schiffbruch"; Defregger
mit „Sensenschmiede"; Mnncacsy mit
„Kreuzigung"; Max Thody mit „An-
betung des Kreuzes"; Uhde mit „Christi
Geburt"; Niemenscheid mit „Eden". Da-
neben finden sich auch Werke von dein
gefeierten Ludwig Richter, von Andr.
Achenbach und A. Fenerbach. Werke voll
hoher Kunst und stimmungsvoller Poesie
sind „Das Gelübde eines Benediktiners"
von Al. Felmann; „Im Morgenrot" von
Rob. Hang ; „Wallfahrt" und „Ain Grabe
der hl. Elisabeth" von C. Bantzer; „Ruin
einer Familie" von Ad. Echtler; „Toten-
fest in Kairo" von Will). Gentz; „Seelen-
landnng" von Theod. Große; „Ein schwerer
Schicksalsschlag" von Ad. Dieffenbacher.
Bon besonderem Interesse waren mir zivei
Bilder: „Grab des Moses" von Fr.
Preller und „Judas Jskariot" von Herm.
Prell, Das erstere ist hochpoetisch auf-
gefaßt und bringt das Geheimnis des
Grabes von Moses treffend zum Ausdruck;
es erinnert an Poussin. Das zweite
gehört ganz der modernen Richtung au:
nächtliche Landschaft mit ansteigender Höhe,
hinter dieser aufsteigend der Vollmond,
alles düster und unheimlich.; im Vorder-
grund der Verräter mit einem pharisäischen
Unterhändler. Ein hervorragendes Stim-
mungsbild für die finstere Judastat!
Freilich sind die Ansichten über Preller und
Prell sehr geteilt. Der „Kunstwart" ist
Prell wenig günstig, während er von

anderer Seite hoch eingeschätzt wird.-

Nach der Kaiserrede vom 18. Dez. 1901
über die Kunst, in der gegen gewisse
moderne Richtungen energisch Front ge-
macht wurde, sollen hervorragende fran-
zösische Künstler sich geäußert haben:
„Heute ist der schlechte Geschmack unum-
schränkter Herrscher". Daß etwas Wahres
daran ist, davon kann man sich in den
Kunstausstellungen in Berlin und Dresden
überzeugen; daß jenes Urteil aber auch
zu allgemein und darum unwahr ist, be-
weisen die Abteilungen der neueren Kunst
in den Galerien beider Städte. Geschmack-
verderbeud wirkt jedenfalls das in der
jüngeren Künstlerwelt vielfach herrschende
Urteil Panderveldes: „Es kommt bei den
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