Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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muß aber flandrische Kunst gMunt haben,
er kommt von den frische u Eindrücken der
Wunderwerke her, die Flandern nnd Bra-
bant während der letzten 3 Jahrzehnte
gezeitigt haben, eine junge Kraft, die in
der angesehenen Werkstatt des Bildmachers
in Ulm Arbeit suchte. Nur so sind die
erstaunlichen Bravourstücke der Farben-
pracht nnd der Lichtwirkung erklärlich,
die mit bescheideneren Mitteln einen Ab-
glanz der Herrlichkeit van Eycks und des
Flenialler Zeitgenossen hinaufgetragen haben
in die Berge Tirols. Der letztgenannte
Beeister bietet in seinen erst in neuester
Zeit erkannten nnd gewürdigten Werken
die meisten Vergleichnngspunkte dar.')
Die Entfernung Ulms von den westlichen
Grenzen Deutschlands läßt zunächst gewiß
keinen Einfluß der niederländischen Kunst
erwarten und doch können die Vorzüge
der Malerei, die an einzelnen Stellen des
Sterzinger Altarwerks hervortreten, wohl
nicht anders erklärt werden. Das Ein-
vernehmen mit Hans Mnltscher und die
Zugeständnisse, die von beiden Seiten an-
genommen werden müssen, um das Zu-
standekommen einer so ausgeglichenen Ge-
samterscheinnng zu begreifen, verstünden
sich von selbst, wenn wir einen Angehörigen
derselben Künstlerfamilie in dem jungen
Malergesellen vermuten dürften, der trotz
allem Einfluß der westlichen Nachbarn ein
guter Schwabe gewesen und geblieben
scheint, wie ans verschiedenen Anzeichen
spezifisch schwäbischen Charakters in seinen
Bildern hervorgeht. Betrachtet man übrigens
»och einmal die plastischen Altarfiguren,
so muß man sagen: hier ist ein ganz
individueller Meister tätig gewesen, ein
Bildhauer, der gewohnt war, in Stein nnd
nicht in Holz zu meißeln, nnd dieser
Meister kann aber unmöglich derselbe ge-
wesen sein, welcher zugleich auch die
Gemälde geschaffen hat; es sind ganz
andere Typen, sowohl in der Kopfform
als in der Körperhaltung nnd besonders
im Faltenwurf, der ja stets ein günstiges
Motiv zu vergleichenden Studien abgibt.
Ich möchte demnach noch weiter gehen,
als Cchmarsow, der die Gemälde wenig-
stens noch nach Vorlagen Multschers nns-

geführt denkt. — Nein, es sind selbständige
Werke eines Malers, der zwar als Gehilfe
in der Werkstatt Multschers gearbeitet
haben kann, im übrigen aber seine eigenen
Wege geht.

Es ist auffallend, daß Schmarsow
die schon im Jahre 1901 in die Ber-
liner Gemäldegalerie ans London gekom-
menen Multscher-Bilder von 1437 gar
nicht erwähnt. Ich habe in meinem Artikel
in Nr. 1 Jahrg. 1902 d. Bl. darüber
abgehandelt und gefunden, daß diese Ge-
mälde von anderer Hand sein müssen, als
die späteren in Sterzing. Wir sehen
daraus wiederholt, daß Mnltscher nur der
Unternehmer derartiger Altarwerke gewesen
sein kann nnd in seiner Werkstatt ver-
schiedene Maler beschäftigte, die in seinem
Sold waren und ihre Werke deshalb auch
nicht signieren durften, was ja bis auf
den heutigen Tag nicht anders gehandhabt
wird.

Schmarsow will, was schon die photo-
graphische Publikation ansspricht, auch
den Schmerzensmann in Schleißheim von
1457 dem Sterzinger Bieister znschreiben,
ich finde jedoch keine Analogien darin,
jedenfalls sind die angegebenen Gründe
nicht stichhaltig genug um auch nur ein
Schulverhältnis, geschweige denn die Hand
des Meisters selbst Nachweisen gu können.
Auch das Dreifaltigkeitsbild im Ulmer
Münster ist, abgesehen von seinem stark
restaurierten Zustand, doch kaum fähig, als
Arbeit des Bleisters zu gelten, wenn auch
die plastische Gruppierung der Scene in
einem architektonischen Raum unverkennbar
ist. Schmarsow vergißt ja ganz, daß die
von ihm so sehr hervorgehobene plastisch-
architektonische Richtung des Sterzinger
Meisters nicht bloß bei Mnltscher, sondern
auch bei andern Malern der Zeit mehr
oder weniger gang und gäbe ist, besonders
auch bei Konrad Witz, der in der bekannten
Kirchenperspektive zu Straßbnrg ein bis
dahin unerreichtesMeisterwerkgeschaffen hat.

Der dritte Meister, den Schmarsow be-
spricht, ist Lukas Moser von Weil der
Stadt, welcher durch seinen Magdalenen-
Altar in Tiefenbronn sich einen ehrenvollen
Platz in der deutschen Kunstgeschichte er-
worben hat. Das Werk steht für seine
Zeit fast einzig da, es ist nach der In-
schrift am Altäre selbst im Jahr 1431

') Ski'flt. Tschudi der Meister von Fleiiialle,
Jahrb. d. preußischen Kunstsnmml. 1808,
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