Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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yerausaegebe» und redigiert von Pfarrer Dctzel i» St. Christiiia-Raveiisburg.

Verlag des Rotteiiburger Viözesan-Auiistvereiils;
Aanimissioiisverlaa von Friedrich Alber i» Ravensburg.

Or. i.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für M. 2.— durch die wiirttembergischen, M. 2.20
durch die bayerischen und die Reichspostanstalten, Kronen 2.54 in Oesterreich, Frcs. 3.40 in
der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden auch angenommen von allen Buchhandlungen
sowie gegen Einsendung des Betrags direkt von der Verlagsbuchhandlung Friedrich Alber in
Ravensburg (Wiirttemberg) zum Preise von M. 2.05 halbjährlich.

1905.

Lin Ratakombenbesuch zur
Weihnachtszeit.

Von Dr. Theodor Sch ermann.

Der letzte Tag des Jahres ist dem
Andenken desjenigen Papstes geweiht,
unter dessen Regierung (314—335) die
christliche Religion durch Konstantins des
Großen freundliche Politik öffentlichen
Charakter bekommen hatte. In diese Zeit
zurück glaubte ich mich versetzt; als ich
an denlselben Tage zur Katakombe der
h l. P r i s c i l l a hinansivallte, an deren ur-
sprünglichem Eingang eine Basilika Papst
S i l v e st e r s erbaut ward. Bevor wir die
Wedanken all dem zuwenden, was in
diesen unterirdischen Grüften eine beson-
dere Weihnachtsfeststimmung uns darbietet,
möchte i^>ch eine Sage des sechsten Jahr-
hunderts hier Platz finden, welche den
Namen Papst Silvesters mit einer der
ältesten Marienkirchen Roms verknüpft und
zugleich die Festsetzung der Feier seines Na-
mens auf den letzten Tag des Jahres uns
dartnt. Auf dem Forum Romanum erhob
sich zu Füßen des Palatin eine Kirche, von
Papst Silvester der seligsten Jungfrau ge-
weiht. An deren Stelle hauste zuvor ein
Drache 365 Stufen tief unter der Erde, wel-
chem von Jungfrauen die Nahrung geboten
wurde. Silvester aber habe, nachdem er
an dem Orte die Liturgie gefeiert, den
Drachen durch sein Gebet gebändigt und
hinter eherner Pforte verschlossen. Der
Zusammenhang dieser Legende mit der
Abschaffung heidnischen Kultes und der Ein-
richtung der Vestalinnen, wie mit der Weihe
des Jahresschlusses au Papst Silvester,
dessen Sterbetag schon im römischen
Kirchenkalender vom Jahre 354 ausge-

nommen war, ist nicht schwer zu erkennen.
Er sollte Heerschau halten über die 365
Tage des verflossenen Jahres.

Die seinem Namen erbaute Basilika
war ebenso als Beschützerin einer Toten-
stadt erbaut, in welcher über drei Jahr-
hunderte „die von dem Sterne Geleiteten"
voll Hoch und Nieder ihre Ruhe fanden.
Was aber dem Besuche dieser Katakombe
in einem Festkreis, welcher der Madonna
und ihrem göttlichen Kinde gehört, eine
besondere Anziehungskraft verleiht, liegt
darin, daß in ihr die ältesten Marien-
darstellungen im Geheimnis unterirdischer
Grüfte verborgen sind.

Einer Einladung der päpstlichen archäo-
logischen Kommission gemäß — es sind
nun zwei Jahre vorübergegangen — war
es den Besuchern vergönnt, Liturgie und
Kunst in ihreil Beziehungen zum Geburts-
fest Christi erkennen zil können. Es hatte
nämlich der hochselige, für die Erhaltung
der orientalischen Riten besorgte Papst
Leo XIll. angeordnet, daß in jenem Raum,
wo in den ersten Zeiten in Rom das Opfer
nach denr Zeugnisse des Papstes Klemens
in griechischer Sprache abgehalten ivnrde,
auch die griechische Liturgie von den
Patres des Collegio greco gefeiert
werde. Es war jener Raum, welcher
cape 11 a greca genannt wird, da in
ihm in wenigen Schriftzeichen griechische
Christen ihre Herkunft zu erkennen gaben.
Die Kapelle ist architektonisch gegliedert,
die Arkosolien sind mit Stuck bekleidet;
die Bemalung stellt einen Zyklus von
sakramentalen Darstellungen und Sym-
bolen dar, unter denen zwei besonders
lebhaft uns in den Weihnachtskreis ein-
sühren: die älteste Darstellung der
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