Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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Brot b i e ch u u g und jene der A -
b e t u n g der Bi a g i e r. Durch diese
Zweiheit der Gemälde und Bereinigung
des Grundgedankens wird mau unwill-
kürlich au eine Inschrift erinnert, in
welcher Bischof Aberkios aus Hierapolis
in Phrygien int zweiten Jahrhundert die
Geburt Christi und deren Anbetung durch
die Magier und die Brotbrechung mit
nachfolgender Kommunion also in Zu-
sammenhang bringt: „Ueberall war der
Glaube mein Führer und gab mir aller-
orts den „Fisch" ans dem Quell, den
große», de» reinen, welchen die makellose
Jungfrau gefangen hat und den Freunden
immerdar zum Essen vorsetzt, sie hat köstli-
chen Wein mit Wasser gemischt, den sie zu-
sammen mit Brot darbietet." Den nahe-
liegenden Vergleich zwischen der Gottes-
mutterschaft Mariä und dem Empfange
Christi „des Fisches" im Sakramente des
Altares feiert im fünften Jahrhundert
Bischof Maximus von Turin mit den
Worten (hom. 45): „Ich möchte Maria
selbst Manna nennen; denn sie ist zart,
herrlich, lieblich und jungfräulich; gleich-
sam aus dem Himmel kommend, gab sie
allen Völkern der Kirche eine Speise,
welche süßer ist als Honig, und die jeder
essen muß, welcher das Leben in sich haben
will." (Joa. 6, 54).

Die einer orientalischen Sprache zn-
kommende Fülle von Ausdrücken und
Redewendungen steigerte sich in der Litur-
gie zu hymnenartigen Lobpreisungen Gottes
und zu wehklagenden Tönen, in denen
der Mensch seine 9iot dem Allmächtigen
vorlegt. Deshalb ergriff uns umsomehr
am Ende des Jahres die griechische Sprache
in der feierlichen Abhaltung der Liturgie,
bei welcher ein griechischer Bischof, der
als Konvertit von den Russen verfolgte
Neffe Tolstois, der Liturge war, während
die übrigen Priester durch Conzelebration
entsprechend der Feier der Messe in früh-
christlicher Zeit sich beteiligten. Eine Miß-
stimmung verursachte leider teilweise das
Benehinen einiger vorwitzigen Englände-
rinen, welche bei solchen Gelegenheiten
nie fehlen dürfen.

Alsbald schloß sich an diese Feier die
Erklärung und Besichtigung der Katakombe
durch den unermüdlichen Archäologen
O r a z i o M a r n c ch i. Der Reichtum an

Madonnendarstellungen verleiht hier be-
sonderen Reiz; und jede derselben hat
ihre charakteristischen Eigentümlichkeiten,
so daß wir die wesentlichsten Striche in
der Geschichte der Muttergottes zu
zeichnen vermöge». Wandern wir von
der capella greca einen Gang weiter, so
gelangen wir zu einem Bild, das unsere
Aufmerksamkeit auf Maria in der
Offenbarung des Alten Testa-
mentes lenkt. Die Prophezien erhielten
hier Gestalt mit Pinsel und Farbe, und
zwar in einer Auffassung, wie sie der Er-
füllung der Weissagung entspricht. Wenn
Jsa. 7, 4: „Siehe die Jungfrau wird
empfangen und einen Sohn gebären" erst
von ferner Zukunft redet, und derselbe
Prophet (Jsa. 60, 1—6) von einem Licht
spricht, das über Jerusalem anfgeht, so
hat der Künstler nicht dem Propheten eine
Rolle in die Hand gegeben, auf welcher
vielleicht diese Worte eingeschrieben wären,
sondern für ihn als gläubigem Christen
tritt der Prophet selbst seiner bereits er-
füllten Weissagung gegenüber, der Ma-
donna und dem Christkind. In lebhafter
Auffassung, gleichsam als lebendige Hand-
lung, zeichnet er jede einzelne Figur. Die
Jungfrau hat er damaliger Tracht ent-
sprechend mit Stola bekleidet, und läßt
einen kurzen Schleier über ihr Antlitz
niederfallen. Sie sitzt in Nachdenken ver-
sunken ans einem Sessel ohne Rücklehne
und hat den Kopf sanft nach vorn und
etwas zur Seite geneigt. Auf dem Schoße
hält sie das nackte Jesuskind, welches
einem Rufe hörend das Köpfchen zurück-
wendet. Vor dieser Gruppe steht der
Prophet, der aus einen Stern zeigt.
Nebenan als Verzierung ist die Familie,
Mann, Frau und Kind als betend dar-
gestellt, auf deren Wunsch das Gemälde
gemacht wurde. Ich erinnere mich hier
an einen Brauch, welcher auf den Münch-
ner Friedhöfen Sitte ist, daß die Ver-
wandten ihren verstorbenen Angehörigen
einen Christbanm am heiligen Abend ans
das Grab setzen, an dem sie die Kerzen
anzünden. Was hier nach deutscher Sitte
dargestellt ist, es möchte das Licht der
Welt den Heimgegangenen auch dort
leuchten und anfgehen, das hat in ein-
facher Weise auch der Maler zum Aus-
druck gebracht und zwar schon in der
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