Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

Seite: 6
DOI Heft: 10.11588/diglit.15938.2
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15938.3
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15938.4
DOI Seite: 10.11588/diglit.15938#0012
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1905/0012
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
6

sind fo manche Züge ans der Kindheits-
geschichte und der Erzählung des öffent-
lichen Auftretens Christi entlehnt worden.
Das ganze Leben, insbesondere die Kind-
heitsgeschichte Christi, wurde bald um-
sponnen mit lieblichen Erzählungen der
Einzelnheiten dieses Alters. Das soge-
nannte Protoevangelium Jakobi bot Stoff
für die Kunst, die Geburt des Kindes
lebhaft in Farben schildern zu können.
Und in der Zeit Papst Honorins l. (625 bis
638) erscheint im Coemeterinm des hl.
Valentin ein Gemach am Eingang, wel-
ches neben der Darstellung des göttlichen
Kindes und der Madonna die Besnchnng
der hl. Jungfrau bei Elisabeth zeigt,
ferner das Kind in der Krippe und zwei
Personen, welche demselben in einem
Badeeimer die erste leibliche Pflege an-
gedeihen lassen, ja sogar der Name der
Hebamme Salome ist mitgeteilt, ivie
sie auch das Protoevangeliirnr Jakobi
nennt. An denr Triumphbogen von
S. Maria Maggiore, den Sixtus Hl.
(432—439) mit Mosaiken schmücken ließ,
ist eiil ganzer Zyklus in drei Reihen an-
gebracht: Bilder aus der Jugend des
Heilandes, von der Verkündigung bis
zum Tempelgang und der Begegnung des
Simeon und der Anna. Es folgen sich
ferner die Anbetung der Magier, die
Kindheit Jesu, der bethlehemitische Kin-
dermord, die in den Apokryphen so reich
ansgemalte Ankunft des Kindes und seiner
Eltern in Aegypten, wo sie von den Be-
wohnern des Landes freundlich empfangen
und begrüßt werden. An der Spitze der
ihnen entgegenkommenden Schar steht das
Oberhaupt der Stadt durch reiche Ge-
wandnng und Stirnband ausgezeichnet;
neben ihm ist ein Mann im Philosophen-
kleide, beide die Macht und Weisheit
Aegyptens sinnbildend. Auch die Taufe
Christi im Jordan ist mit einer Reihe
von Wnndererscheinnngen, mit dem Auf-
treten dienender Engel, welche die Tücher
zum Abtrocknen bereit halten, mit Fener-
flammen in der Luft, dem Znrückweichen
des Jordan in der apokryphen Literatur
und späterer Kunst bedacht worden.

Auf diese Weise hat der Katakomben-
besuch Anlaß geboten, die Ausgestaltung
christlicher Liturgie und Kunst an einem
der gedankenreichsten und lieblichsten Ge-

genstände katholischer Lehre zu verfolgen.
Wie dort in Santa Priscilla die Krypta
der hochadeligen Familie der Acilier an
Bedeutung und Alter der Mittelpunkt
sämtlicher Krypten und Gänge bildet, in
denen das Christentum ihre immer zahl-
reicher gewordenen Mitglieder zur letzten
Ruhe aufnahm, so sind auch die prophe-
tischen Gemälde derselben Katakombe der
erste und zugleich inhaltsreichste Anfang
der Ausgestaltung der christologischen und
mariologischen Vilderzyklen späterer Zeit.

Maria iin Aehrenkleide.

Von Pfarrer Detzel.

I.

Eine eigenartige Gattung von Marien-
bildern gibt die Darstellung der heiligen
Jungfrau unter dem Namen „Maria im
Aehrenkleide", die bisher in keinem ikono-
graphischen Werke behandelt wurde, aber
gegenwärtig die Aufmerksamkeit von Kunst-
freunden auf sich gelenkt hat. Es ist der
gelehrte Universitätsdozent Msgr. Dr.
Joh. Grans in Graz, der zuerst in ein-
gehender Weise diese Art der Darstellnng
der heiligen Jungfrau behandelt hat. ')
Maria erscheint bei all diesen Darstellungen
iil ganz jugendlicher Gestalt, fast gleich-
mäßig mehr oder minder in: Kindesalter;
sie ist aufrecht stehend, blickt meistens ge-
radeaus und hat die Hände zum Beten
vor der Brust gefaltet. Sie trägt in allen
Tafelbildern — und solche sind es der
Mehrzahl nach — ein einfaches, langes,
ganz gerade herabwallendes Gewand mit
engen Aermeln, das von blauer Farbe
und mit goldenen Aehren geziert
ist; dasselbe ist an der Brust hochgegürtet,
so das; der Oberkörper, besonders in den

') Es geschah dies zuerst iu seinem Organ,
deui Grazer „Kirchenschmuck" (1904 Nr. I, 4 ». 6),
dann in einem Separatabdruck unter dem Titel:
„S. Maria im Aehrenkleide und die Madonna
cum cohazano vom Mailänder Dom. Graz,
Styria 1904". Früher hatte schon Dr. Sighart
auf diese Bilder aufmerksam gemacht in seiner
„Geschichte der bildenden Künste iui Königreich
Bayern" 1863, S. 579, und in de» „Mitteilungen
der k. k. Zentralkommission" 1866, S. 73; ferner
schrieben darüber: Dr. Schnaase ebenfalls in
den „Mitteilungen der Zentralkouimission" >862,
S. 207, Dr. H. Seliger in feinen „alttirolischen
Tafelbildern zu Freising" 1896, und zuletzt Dr.
N. Stiastny im „Jahrbuch der k. k. Kunstsamm-
liimjen" 1903, Heft 2, S. 79.
loading ...