Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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1 cm
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des U. Franz über die Marienkirche zu
Budweis 1898): S . ist . tzm . wissen .
aller. man . chleich . das . diez. pild . vnser.
lieben . frawn . pild . ist . Als . st) in .
dem . tempel . war . E . das . Hy .
sancto . Joseph . geinahen • ward . Also
dienet . ir . dy . engl . Auch . ist . sy . i .
layte . also . gemalt . i . ein . stat. halst .
olano . vd . leit. i . maylan. Das „layte"
wird die Abkürzung von Lainparten (Lom-
bardei) sein. Das Budweiser Bild zeigt
sich nach Graus durch frommen Ueber-
eifer aus Weihegeschenken von Ketten,
Herzen n. s. w. bis nahe zur Unkennt-
lichkeit verhängt und entstellt. Am untern
Rande dieses Budweiser und eines Salz-
burger Mnseumsbildes sind noch in kleineren
Schriftcharakteren Wnndererzählungen bei-
gefügt, in denen unter anderem auch die
Geschichte einer weißen Rose und einer
Mailänder Herzogin (Katharina Visconti)')
enthalten ist, welche diese Rose vor dem
Bilde gebrochen und fortgetragen habe,
ohne sie in ihrem Palaste erhalten zu
können. Ein Bild im Klerikalseminar
zu Fr ei sing stammt aus Brixen und
ist (nach Dr. Semper, Sammlung alt-
tirolischer Tafelbilder in Freising S. 2.1) in
den Anfang des 15. Jahrhunderts zu setze».

Von ganz besonderem Interesse ist ein
Holzschnittb lat t2) in der Größe von
39:36 cm aus den Jahren 1450 bis
1460 stammend, das die heilige Jungfrau
im Aehrenkleide darstellt und sich in der
K. bayerischen Hof- und Staatsbibliothek
zu München befindet. Es trägt am Rande
folgende Inschrift: „Es ist czu wissen» atler-
maniglichenn das das pild ist vnser lieben»
fronen pild als Si in deni tempel was
e das sy fand joseph vermahelt ward
also dyentenn ir die enngel:: in deni tempel
vnd also ist sy gemalt in dem tum czu
maylandt." Es muß also diese Art
Marienbilder, worauf Graus mit Recht
hinweist, im Mittelalter sich großer Be-
liebtheit beim Volke erfreut haben, wenn
dieselben in der damals volkstümlichsten
Reproduktion, im Holzschnitt, verbreitet
worden sind. In dieser Legende des Holz-
schnittes steht nichts von der Stadt Olana
in der Lombardei, wie auf dem Bilde zu
Budweis, sondern nur von dem „tum

‘) Auf welche wir später zurückkoinmeu werden.

-) S. Abbildung.

(Heiltum, Heiligtilm) czu maylandt," wo
sich das Original finden soll. Auch A.
Dürer hat, als er das Gebetbuch Kaiser
Max, mit Randzeichnungen versah, eine Ma-
donna inl Aehrenkleide als Gegenstück einer
Hausfrau bei einem Mariengebete dargestellt.

In M ü n ch e n finden sich noch v i e r
weitere Darstellungen unseres Gegenstandes,
wovon drei im Nationalmuseum aufbewahrt
werden: eines stammt aus Piding bei
Neichenhall in Bayern und gehört nach
Sighart') der Zeit von c. 1450 an. Ein
weiteres Exemplar daselbst und aus gleicher
Zeit wäre ein Geschenk des Or. Leichtle
in Kempten, das anl unteren Tafelende
folgende Minuskel-Inschrift trägt: „es
ist zu wissen aller menigleich das pild
ist vnser lieben fraive pild als sy in de
tepcl waz e Hy sad joseph vmecht wart
also dienet ir di enge! i. de tepel vn also
ist sy gemalt i d tu zu malat". Ein
drittes Stück, eine Holztafel von außer-
ordentlicher Größe, bewahrt das Mün-
chener Nationalmuseum im Saale XII als
Nr. 15; es zeigt in ziemlich trüb ge-
wordener Malerei die heilige Jungfrau
in einer Halle, welche in der Mitte des
Fondes zu einem gotischen Chörlein sich
vertieft, also den Tempel von Jerusalem
versinnbilden ivill. Betend, mit dem Aehrcn-
kleide, schmalem Gürtel, flammigem Hals-
schmuck, den andern solcher Bilder ent-
sprechend, hat Maria zur Rechten neben
sich einen in ganzer Figur doch kleiner
gegebenen Engel in weißem Kleide. Zur
Linken aber sieht man drei Engel in Halb-
fignren übereinander, die zur heiligen
Jungfrau betend aufschauen. Das Ganze
der Darstellung gibt nur in Figuren, was
an andern solchen Bildern die Umschrift
besagt, dem apokryphen Evangelium fol-
gend : und also dienten ihr die Engel in
dem Tempel.

Auch eine bemalte Holzstatne be-

') Geschichte der bildenden Künste, S. 579:
„eine hohe betende Gestalt init Aehren im blauen
Gewände, innigfroniinem, kindlichem Gesichte von
rundlichen Forinen und trefflicher Ausführung".
„Das Original dieses Bildes — bemerkt der
Verfasser in der Anmerkung —, das Maria int
Trauungsschmucke darstellt, soll in Mailand sich
befinden nach einer Inschrift der Kopie in der
Oberpfarrei zu Bamberg. Andere Kopien sind
in Oberbergkirchen, in Gelbersdorf, im Besitze
von Professor Sepp und anderwärts!"
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