Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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selbst, die eine Aehrenkleidmadonna dar-
stellt und ein Werk des 17. Jahrhunderts ist.

Eine weitere Aehrenkleid - Madonna
haben wir in der Pfarrkirche zu St er-
zin g in Tirol getroffen und zwar au
der Wand beim linken Seitenaltar. Das
Bild ist auf Holz gemalt, hat Goldgrund
und gehört der Zeit uni 1500 an. Der
goldene Nimbus hat in punktierter Zeich-
nung die Inschrift: sancta maria virgo,
und es wird dieser Nimbus von zwei,
ebenfalls in punktierter Zeichnung ausge-
führten schwebenden Engeln gehalten. Der
Strahlenkragen nnd der Gürtel, der bis auf
den Bode» reicht, sowie die Strahlen-
spitzen am Ende der Aermel sind mit
Gold gemalt. Das Bild trägt am Nahmen
ringsum die Inschrift : „Es ist zu wissen
daß dis unser Frauen Bild gemalt ist
nach dem als sy in dem Tempel was
ehe das sy Josephen gemaehelt wardt
also ist gemalt in Lainpardten zu Scham
(schauen?) für alle Christglaubigen und
in dem Thum zu Maillandt da das bild
gros zaicheu thuet als do mibe geschri-
ben sthet".

Als ein bisher noch unbekanntes nnd
seiner Inschrift wegen beachtenswertes
Exemplar führt Graus das Bild im Prä-
monstratenser-Chorherrnstift in Schlägl
an.') Auf der laugen Bildtafel nimmt die
Marienfigur die oberen zwei Drittel der
Bildfläche ein, stehend, mit gefalteten Hän-
den im blauen Aehrenkleide, dem lang-
zackigen Ha.lskrageu, dem abhängenden
schmalen Gürtelbaud und dem herabwalleu-
dcu Haupthaar.. Am flachen Rahmen
nimmt drei Seiten die Umschrift in spät-
gotischen Minuskeln ein: „Es ist zu wissen
das dies pild unser lieben framu pild ist
als fi) In dein tempel was ce das sy
fand Joseph gemaehelt ward. Allso die-
uelen ir dp Engel, auch ist sy in einer
stat haist Osauna also gemalt und leit in
Mailand"?)

Den Typus der Madonna im Aehren-
kleide tragen auch sogenannte Schutz-
mau t e l - M a r i e n b i l d e r, so z. B. ein
solches in Friedrichs Hafen am Bo-

0 S. Abbildung.

2) Auffallend ist die Uebereinstiimuung dieser
Legende mit jener zu Budweis, weshalb, wie
Graus meint, vielleicht auch in Salzburg statt
Olaua „Osann" zu lesen wäre.

densee und zwar im ehemaligen Kloster
Hofen, der heutigen Sommerresidenz des
Königs. Hier befindet sich im unteren
Gange des Schlosses ein Glasgemälde
von prachtvoller Schönheit, von c. 1500
stammend, das diesen Gegenstand dar-
stellt. Seit dem 14. Jahrhundert war
nämlich ein beliebtes Andachtsbild, Maria
als Mutter der Menschen und Zuflucht
der Sünder darzustellen. Sie erscheint
dabei in hoher nobler Gestalt und breitet
ihren weiten, roten, mit Hermelin gefüt-
terten oder weißen Mantel mit ihren
Armen aus und läßt ihn von Engeln
ausgespannt halten. Darunter hat sie
voll Liebe und Milde die schutzflehenden
Vertreter aller Stände der sündigen
Menschheit gesammelt, angefangen mit
dem Papst nnd Kaiser bis herab zum
einfachen Arbeiter. Es gab diese Dar-
stellungsweise an vielen Orten, z. B. in
Markdorf in Baden, die Veranlassung
zur Begründung sogenannter Schutzman-
tel-Brnderschaften. Hier, nun in diesem
Bilde im K. Schlosse zu Friedrichshafen
trägt die hl. Jungfrau ein blaues Kleid,
das mit Aehren geziert ist. Sie breitet
ihren großen, weiten Mantel über Papst,
Kaiser, Könige, Fürsten, Bischöfe, Ritter,
Bürger und sonstige Laien aller Stände
aus und trägt als Regina coeli die
große Reichskrone ans dem Haupte. In-
teressant ist auch die technische Herstellung
des Aehrenkleides in unserem Glasgemälde:
das Kleid ist nämlich blaues Ueberfang-
glas, in welchem Stellen ausgeätzt und
mit Silbergelb überzogen sind, in welchem
dann die Zeichnung der Aehren mit Schwarz-
lot anfgetragen wurde. (Schluß folgt.)

Literatur.

Vom Gebiet der k i r ch l i ch e n Kn» st

von Msgr. Or. I. Graus, mit 98 Jll.

Graz, Styria, 4 Mk.

Der bekannte Grazer Kunsthistoriker vr. Grauü,
der erst kürzlich durch seine verständige Beur-
teilung moderner Kunst die Aufmerksamkeit auf
sich gelenkt, bietet uns hier sechs größere kunst-
geschichtliche Abhandlungen, die er in dein von
ihm redigierten Seckauer Kirchenschmuck seiner-
zeit veröffentlicht hat. Das Interesse des Ver-
fassers konzentriert sich ganz besonders ans die
kirchliche Architektur und die. drei Studien über
„Kirchengrundriß und Altarbau", „kirchliche
Zentralbauten", und „Die einschiffige Kirchen-
anlnge" geigen sein selbständiges Urteil nnd seine
umfassende Kenntnis der einschlägigen Baudenk-
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