Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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Lebens, bald sind sie das Zeichen froher
Hoffnung, das; diese schon eingegangen
sind in die himmlische Ruhe und teil-
nehmen am ewigen „Hochzeitsmahle", noch
öfter aber sind sie verkörperte Gebete,
Gebete zu Gott um Barmherzigkeit in den
Schrecken des Todes und Gerichtes oder
um gnädige Zulassung zu Seligkeit, Ge-
bete zu berühmten oder nahestehenden
Märtyrern, das; sie die Seelen der Ab-
geschiedenen in ihren Schutz nehmen und
ihre Fürsprecher seien vor dem Richter-
stnhle Christi, Gebete endlich zu den Ab-
geschiedenen selbst, das; sie in ihren Für-
bitten bei Gott der noch Lebenden ge-
denken. Nur von diesem Gesichtspunkte
ans lassen sich die Erzeugnisse der Kata-
kombenkunst richtig beurteilen, sowohl hin-
sichtlich der Wahl der Stoffe als der
Eigenartigkeit ihrer Anlage. Wie der
Künstler nur solche Gegenstände wählte,
welche seinem liturgisch-didaktischen Zwecke
entsprachen, so hob er auch in der Dar-
stellung derselbe», ohne Rücksicht auf die
realistische oder biblische Vollständigkeil
und Treue, nur diejenigen Merkmale her-
vor, welche in der Vergleichung das
Wesentliche sind, und lies; alles weg, was
die Symbolik irregcführt oder verdunkelt
hätte. Z. B. soll das Quell wunder
des Moses als Sinnbild der Taufe
dargestellt werden. Das Hanptmoment
ist das Hervorströmen des Wassers aus
dem Felsen nach der Berührung mit dem
Stabe. Daher erscheint auch nur Moses
als wichtigste Person ans dem Bilde, wie
er mit dein Stabe an den Felsen schlägt.
Von der dürstenden Menge nimmt der
Maler gar keine Notiz. — Dieselbe bib-
lische Erzählung wird aber auch mitunter
in einer anderen Bedeutung verwertet.
Sic soll die Bitte illustrieren, das; Gott
die Seele erquicke, wie er die Israeliten
in der Wüste durch den wunderbaren
Quell erfrischt hat. Jetzt ist das dürstende
Volk ein wesentlicher Bestandteil der Syin-
bolik. Daher werden neben Moses einige
Israeliten sichtbar, welche gierig von dem
herabströmenden Wasser trinken. — Oder
nehmen nur das Bild Roes in der
Arche. Hier handelt es sich darum, die
Rettung ans sicherer Todesgefahr durch
ein unmittelbares Eingreifen Gottes dar-
zustellen und damit die Rettung der Seele

eines Verstorbenen vom ewigen Tode zu
versinnbilden. Noe befand sich in dem
Augenblick in Sicherheit, als die Taube
mit dem Oelzweig in die Arche zurück-
kehrte. Also braucht der Maler zu seiner
Darstellung nur drei Gegenstände: Noe,
Taube und Arche. Letztere kann er aber
nicht in ihrer wirklichen Größe malen.
Noe im Innern der Arche darzustellen,
würde ebenfalls ein nicht nur technisch
schwieriges, sondern auch undeutliches Bild
ergeben. Ein offenes Schiff kann der
Künstler auch nicht verwenden, denn dieses
würde zu sehr an eine Jonasscene erinnern.
Daher stellt er Noe in einer viereckigen
Kiste dar, welche häufig sogar einen offenen
Deckel und Schloß zeigt und derjenigen
ganz ähnlich ist, die in der antiken Kunst
ans den Bildern der Aussetzung Danaes
und Perseus zu finden ist.

Soviel über die Koinposition der Kata-
kombengemälde im allgemeinen! Treten
wir nun beut Inhalt derselben näher und
betrachten wir die Mannigfaltigkeit der
bildlichen Darstellungen, die sich auf die
Gebetsgemeinschaft der Lebendigen und
Toten beziehen.

l. Die Fürbitte der Lebenden für
die Entschlafenen.

Nicht nur der qualvolle Tod der Mär-
tyrer ans dem Nichtplatz und in der
Arena, sondern auch der natürliche Tod
des Christen wurde in der Kirche von
Anfang an als ein harter Kampf mit
einem grimmigen Widersacher angesehen
— dem Satan, welcher im entscheidenden
Augenblicke seine List und Anstrengung
verdoppelt, um die Seele Christo zu ent-
reißen und auf ewig zu verderben. Die
aufmuuterndeu und tröstlichen Beispiele
von heroischem Glaubensmnt und wunder-
barer Hilfe von oben aus der alttestament-
lichen Geschichte wurden daher nicht bloß
den mit dem Martyrium Bedrohten, son-
dern im weiteren Sinne jedem dem Tode
nahen Christen als leuchtende Vorbilder
vorgehalten, um ihren Mut im Todes-
kampfe zu stärken und ihre Hoffnung ans
Erlangung der ewigen Seligkeit zu be-
leben. Anderseits hielt man dieselben
biblischen Beispiele im Gebet auch Gott
selbst als Beweggrund vor, daß er dem
Sterbenden im Tode seine Barmherzigkeit
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