Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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bic Menschen anstehend, erscheinen. In
einer Miniatur des Hoitus deliciarum
der Aebtissin Herrad von Landsperg (un;
1159—1175) ist neben Maria geschrieben:
,,Sancta Maria filio suo pro Ecclesia
supplicat" und neben dem hl. Johannes:
„soanires Laptista supplicat".

Wir sehen dann in der Folgezeit auch
im Abendland bei den Gerichtsbildern,
wie sie in Wandmalereien, Miniature»
il»d in der Plastik später so häufig Vor-
kommen, immer die fürbittenden Gestalten
von Maria und Johannes dem Täufer.
Aber nicht immer hat die christliche Kunst
den Gegenstand des Jüngsten Gerichts bloß
in Seenen von Furcht und Schrecken ge-
kleidet, wie mir es von den mittelalter-
lichen Darstellungen an bis ans die Ren-
zeit (Cornelius) finden, sondern sie hat
diese großen Kompositionen des Schreckens
auch reduziert und gemildert und zwar
oft so weit, daß nur noch eine gleichsam
wie versöhnende Andeutung des Tages
des Schreckens stehen blieb und dies allein
durch die drei Gestalten von Christus,
Maria und Johannes dem Täufer —
imb eine solche reduzierte Darstellung des
Jüngsten Gerichtes haben wir hier in
unserm Mosaik in der Frauenkirche zu
R a v e n s b » r g.

Was die technische Ausführung des
Bildes anlaugt, so ist dasselbe ein M o s a i k,
d. h. es ist nicht mit Farben auf die
Wand gemalt, sondern aus verschieden-
farbigen Steinche» oder vielmehr Glas-
flüssen zusammengesetzt. Diese Kunst wird
nämlich in der Weise traktiert, daß kleine,
feste Körper, Stifte, seien diese nun aus
Stein oder Glas (wie hier) von ver-
schiedener Farbe, auf eine Fläche an ein-
ander gefügt und unter sich und mit ihrer
Grundlage durch Kitt (aus Marmorstaub
und Kalk, mit Wasser und Eiweiß oder
mit Leinöl getränkt) verbunden werden.
Ist eine solche musivische Arbeit, wie
man sie auch nennt, richtig ausgeführt,
so ist sie fast unzerstörbar, auch von Wind
und Wetter, überhaupt von jeder Feuchtig-
keit, unbeeinflußt.

Schon die Griechen und Römer ver-
wendeten diese Knust zum Schmucke der
Fußböden und Wände, aber auch zu Bil-
dern, wie besonders das im Jahre 1831
in Pompeji aufgefundene große Mosaik

der Aleranderschlacht und andere Bilder
zeigen. Besonders beliebt aber waren die
Mosaiken in den drei ersten christlichen
Jahrhunderten und haben sich auch gerade
die ersten Christen dieser Kunst gerne be-
dient. Schon in den römischen Kata-
kombeu wurden solche gefunden. Als
aber nach der Zeit der Christenverfolguugen
der Friede in der Kirche eintrat, da kam
für die Mosaikknnst eine Zeit reicher Ent-
wicklung und großen Fortschrittes. Mit
dem 4. Jahrhundert beginnt man nämlich
jetzt auch die weiten Räume der Basiliken
mit figuralen Mosaiken anszuschmücken
und in dem Ernste, in der Majestät und
in dem reichen Glanze der Mosaiken kön-
nen wir nicht nur den Geist des sieg-
reichen Christentums, sondern bei der
Unvergänglichkeit dieser Arbeiten auch den
kunstgeschichtlichen Fortschritt der dama-
ligen Zeit erkennen. Besonders zeigt uns
auch die Kunstgeschichte das Verdienst der
Päpste, welche so viele Kirchen Roms
mit den herrlichsten Mosaikbilderu ge-
schmückt haben, die jetzt noch — nach
1400 Jahren — unsere Bewunderung
erregen.

Roch sei bemerkt, daß die gewöhliche
Darstellung eines reduzierten „Jüngsten
Gerichtes" die ist, das; die imposante Ge-
stalt des Richters in inandelfürmiger
Glorie ans de»; Regenbogen sitzt und ans
kleineren, konzentrischen Bogen die Füße
aufstellt. Hier wäre aber der Raum
nicht ausreichend gewesen, und Meister
F n g e l gab deshalb die Gestalt des
Richters in einem Kuiestück. Doch wird
auch so, wenn einmal das Gerüst voll-
ständig entfernt ist, diese Darstellung mäch-
tig ans den Beschauer eiuwirkeu, und wenn
auch in Hinsicht der Vielgestaltigkeit der
Komposition ein mächtiger Abstand dieses
einfache Bild von den großartigen Schöpf-
ungen eines Orcagna, Signorelli und
Michelangelos trennt, so wird es doch noch
eine Frage sein, ob nicht die bescheidene,
aber schöne und in wenig Figuren viel-
sagende Darstellung in unserer Frauen-
kirche zu Ravensburg religiös wert-
voller und kostbarer wirkt, als
jene kunstgeschichtlich so vielbewnnderten
Werke Italiens. Die TirolerMosai k-
werkstätte in Innsbruck aber hat
hier ein Werk geschaffen, das
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