Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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den Dom zu Mailand gestifteten Bilde
hatten. Daß ein solches Gnadenbild im
Dome zu Mailand war, besagt eine in
den Annalen des Mailänder Dombaues
aufgefnndene Notiz vom Jahre 1465,
wonach die Deutschen in Mailand an die
Dom-Fabrik eine Anfrage betreffend dieses
in ihrer Heimat hochangesehenen Gnaden-
bildes richteten und wonach sie den Be-
scheid erhielten, daß das Bild beim Dom-
ban zu Grunde gegangen sei. Die Bau-
leitung hielt sich aber verpflichtet, einen
Ersatz dafür zu schassen in einer Bildtafel
mit der gleichen Darstellung („cum coha-
zono stelis deaureatis et diadema au-
rea“), um damit der Spezialandacht der
Deutschen zu entsprechen: „in augmentum
concursus devotionis Germanicorum
seu Theutonicorum ad ipsam effigiam
in ecclesia‘‘, wie es in den Annalen des
Dombaues heißt. Dem Beschluß der
Baubehörde entsprach die Tat und der
bedeutende Maler Meister Christophorus de
Mottis empfing den Auftrag für das
Marienbild, der ihm schon 1464 notiert
war. Dieses Gemälde, also schon die
zweite Darstellung der heiligen Jungfrau
„cum cohazono", muß seinen Platz im
Dome anfangs an einem Pfeiler er-
halten haben, was man aber abzuändern
beschloß. Es wurde ein eigener Altar
geschaffen und beschlossen, das Ansehen
der Darstellung Mariens „cum coha-
zono“ durch die Erneuerung in Form
eines „plastischen Marmorwerks" auszu-
zeichnen. Das geschah schon nach drei
Jahren durch Petro Antonio de Solaris.
Und diese Statue der vielgenannten und
von den Angehörigen der deutschen Kolonie
vielverehrten Madonna ist die dritte
Darstellung unserer Aehreukleid-Marien-
bilder.

Das Mittelalter legt dieser Mailänder
Darstellung den Titel „cum cohaz-
zano“ bei. Es ist dies ein lokaler Wort-
gebrauch, dessen Si„„ unter dem Volke
im Mailänder Gebiet noch fortlebt, nach
welchem man vom üppigen Haar-
w u ch s einer Person, deren Flechten l a n g
a b l a n f e n ü b e r d e n R ü cf e n, den Aus-
druck coazia coazzone gebraucht. Gerade
die aufgelösten üppigen, langwallenden
Haare, die auf dem Rücken abfallen, sind
es ja, was die jugendliche Gestalt dieser!

Madonna am meisten und weit mehr von
allen andern Darstellungen der Gottes-
mutter unterscheidet, als Haltung, Kleid
und Gürtel es bewirken. Die Jugend-
lichkeit, ja Kindlichkeit ist nicht immer so
stark betont, oder auch nicht in allen diesen
Bildern beabsichtigt worden; wohl aber
gab es der Künstler deutlich zu verstehen
durch diese Art der Haupthaarbildnng,
daß er vor allem die I u u g f r a u, also
in der Darlegung der Apokryphen die
T e m p e l j u n g fr a u vorstellen wollte. Die
aufgelösten Haare sind so recht die Tracht
der Jungfrauen und G r a u s erinnert an
einen Volksgebrauch in der berühmten
M a r i a z e l l e r Kirche, wie zum nächtlichen
Lichterumgang die Jungfrauen der Waller
mit aufgelösten Haaren erscheinen und wie
auch an anderen Gnadeuorteu im Salzbur-
gischen der nämliche Gebrauch bestehe.

„Mariengestalten mit aufgelösten, wallenden
Haaren sind aber auch unverkennbar eine Eigen-
tümlichkeit nordischer oder bestiimnt deutschmittel-
alterlicher Kunst. Der Süden, noch mehr der
byzantinische Oste» pflegt seine Madonnen nicht
leicht ohne jene völlige Umhüllung des Hauptes
durch den dunkelfarbigen Kopfschleier darzusttllen ;
erst in Florentinergemälden des 15. Säkulums
weicht das Manteltuch, welches orientalisch die
ganze Gestalt umschlingt, einer leichten Haar-
binde. 'Man denke nur an die niederländischen
Vorbilder der heiligsten Jungfrau am Genter
Altar Hubert vn» Eycks, an so manche
Madonnenbilder von Jan van Eyck herauf bis
Lukas van Leyden, welche der oberdeutschen
Schule die Vorbilder dafür angaben. Man sehe
sich aber um »ach den Marienfiguren Süddeutsch-
lands aus dem 15. Jahrhundert und findet sie
noch in den Bildern der Geburt und Kindheit
Christi in den lose abwallenden Haaren gegeben.
So hielt es ein Martin Schongauer, Schaffner,
Hans Holbein noch in seinen zwei herrlichen
Madonnen zu Solothurn, und jener vom Bürger-
meister Mayer trotz der Krone des Reiches, die
sie ziert. Die Multscher, Grünenwald,
Martin Schwarz von R o t h e n b u r g bringen
zahlreiche Belege für diese Weise und mehrere
ausgezeichnete Madonnenbilder zeigen auch unser»
Alb recht Dürer am gleichen Wege. Die
Eigenheit der heiligsten Jungfrau nordischer
Weise rnochte auch die Deutschen in Mailand
anheimeln und liebgewinnen."

Aus den Dombauakten lernen wir also
drei Marienbilder cum cohazzono keimen:
als erstes ein Silberbild oder eine Silber-
statue der Deutschen, von dem wir aber
nicht wissen ob es einen Vorläufer gehabt,
oder ob etwa dieses ältere Bild durch
die Gabe der Deutschen nur mit Silber
verziert wurde; als zweites Bild sehen
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