Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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schiffigen Basilika ausgehl, fiitbeit wir
im südlichen Frankreich — vor dein 13.
Jahrhundert — Spuren kirchlicher Bauten
antiker Disposition, deren Typus gerade
diese einschiffigen Konstantinsbasiliken sind.
Und dieses rationelle Konstrnktionsprinzip
wirkte dann ailch durch das ganze Mittel-
alter, die Renaissance und das Barock
hindurch fort. Man fand nämlich von selbst
heraus, daß, namentlich bei kleineren Land-
kirchen, eine dreischisfige Basilika für Ab-
haltung des Gottesdienstes nur ganz un-
günstig, unpraktisch wirken konnte. Was
i\ Kuhn in seiner „Allgemeineil Kunst-
geschichte" über die ästhetische Bedentiliig der
altchristlichen Basilika sagt, gilt auch hier:
Der Zweck und die Idee eines christliche»,
sagen ivir hier Ȋherhin eines katholischen
Gotteshauses, fordert für die Teilnehmer
an der religiösen Feier einen begrenzten,
großen, weiten Nanin, welcher sich vor
dem Bilde des Eintretenden sofort als
ei» einheitliches Ganzes, aber mit
einer festen und bestimmten G lieb e r u n g
und mit einer klar ausgesprochene»,
zwingenden R i eh tungseinheit ans eine
bevorzugte, wichtigste Stelle int Ranm-
absehlnß entfaltet. Und diese bevorzugte,
wichtigste Stelle ist der Altar mit dem
A l le r h e i l i g st e n.

ES ist nun in nnserm Lande Württem-
berg das unbestreitbare Verdienst des
Architekten Endes, diese» bewährten
Konstrilktionsmodus wieder hervorgeholt
und in den vielen Neubauten, die er in
unserer Diözese bisher erstellt hat, in der
glücklichsten Weise durchgeführt lutb so
bahnbrechend gewirkt zu haben. Wir
finden von ihm solche einschiffige, gewölbte
Hallenkirchen in Bernsfelden, Ebingen,
Dieterskirch, Urach, Untertürkheim und
Jsny. Während Bernsfelden und Ebingen
noch Flachdecken, bezw. Holztonnen zeigen,
finden sich in Dieterskirch und Urach ro-
manische Gratgewölbe, in Jsny und Unter-
türkheim schließlich Rippengewölbe.

Die letzte Kirche nun, die Endes in
diesem Konstrilktionsmodus erbaute, ist
unser neues Gotteshaus in Al o ch e n -
wangen, über dessen Architektur noch
folgendes bemerkt sei: Die Umfassnngs-
mauern sind bei '/e Meter Stärke 9,30
Meter hoch. Die Seitengangtonne», welche
mit den Wandbögen des Hanptgewölbes

zusammenfallen, nehmen einen beträcht-
lichen Teil des Schubes der knppelartigen
Kreuzgewölbe auf, so daß die Arkaden-
oder Scheidebogenwände auf 38 Zenti-
meter Dicke reduziert werden konnten. Um
bei den verhältnismäßig nieder» Umfas-
sungen im Innern die entsprechende Höhe
zu gewinnen, ist das Hauptgewölbe un-
beschadet genügender Erhellung, in den
Dachraum gerückt.

Die barocken Grundrissen entsprechende
mäßige Einziehung des Chores bewirkt
eine wesentlich perspektivische Vertiefung
des Schiffranines, und mit Rücksicht ans
vollere, weichere Wirkung ist die Apsis
innen im Halbkreis geschlossen, während sie
außen, der heimischen Ziegeldeeknug wegen
ein halbes Zehneck bildet. Das fünfteilige
Rippenkreuzgewölbe — eine französische
Konstruktion des 12. Jahrhunderts — ist
durch die hohe Lage der Fenster begründet.
Das Aeußere der Kirche zeigt bei massiver
Fassung der Mauerecken, Türen und Fen-
ster geweißten glatten Verputz; sämtliche
Dächer sind mit Dachplatten, sogenannten
Biberschwänzen, gedeckt und können somit
vom einfachsten Landmanrer ohne große
Kosten und Umstände repariert werden.

Die einzelnen Dimensionen der Kirche
sind folgende:

Schiffweite ohne Gänge . 10,16 Meter

Schiffweite mit Gängen . 14,3 l „

Seitengangweite .... 1.70 „

Vorchorweite.9,63 „

Apsisweite.7,55 „

Lichte Länge des Schiffes . 34,46 „

Lichte Länge des Chores . 9,75 „

Sakristei-Länge .... 7,30 „

Sakristei-Weite .... 4,58 „

Aeußere Gesaintlünge . . 46,37 „

Lichthöhe des Schiffes . . 12,30 „

Turm 5,9 langu. breit,Höhe 27,00 „

Tnrmhelm.13,00 „

An Sitzplätzen hat die Kirche für Er-
wachsene :

im Schiss . . 540

ans der Empore 40
für Kinder . . 120

zusammen 700 Sitzplätze
Was die Kosten des Baues anlangt,
so kam der Rohbau auf 99 000 Mark,
der Gesamtaufwand für die neue Kirche
auf rund 143 000 Mark. Detzel.
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