Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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Katafombeumaterei liub moderne
SepiilFralFunft.

Von Pfarrvcrw. Drexler in Hendorf
bei Mengen.

(Fortsetzung statt Schluß.)

2. Die Fürsorge der Selige» für

die »och z» richtende» Seele».

„Es ist dem Menschen bestimmt, eiu-
»lai z» sterbe», da»» aber folgt das Ge-
richt", schreibt der Verfasser des Hebräer-
briefes (9, 27). I» seinem zweite» Briefe
a» die Korinther (5, 10) bemerkt der
Apostel Panlus: „Wir alle müsse» vor
dem Nichterstilhle Christi erscheine»." Der
hl. Johannes endlich lässt de» Herrn
sage» (6, 22): „Der Vater richtet nie-
manden, sondern hat das ganze Gericht
denl Sohne übergeben." Christus also
ist der Richter der Verstorbenen. Viele Grab-
inschriften erinnern daran, aber sie unter-
scheiden zugleich deutlich ein doppeltes Ge-
richt, das allgemeine bei der Auferstehung am
jüngsten Tage und das besondere Gericht
unmittelbar »ach dem Tode. Bei letz-
terem werde» ganz analog der weltlichen
Prozeßordnung drei Faktoren nuseinander-
gehalten : der Richter (Christus) mit oder
ohne Beisassen (Apostel), die Verstorbenen,
ivelche gerichtet werden sollen, und die
Advocati (Heilige, besonders Märtyrer),
welche die vorgeladene Seele dem gött-
lichen Richter empfehlen und um ein gnädiges
Urteil bitten. In einer Inschrift der
Katakombe der hl. Kyriaka werden die
Märtyrer ausdrücklich »Advocati apud
Deum et Christum« genannt. — Von
den 14 Gemälden, welche Wilpert hieher-
zählt, seien folgende genannt.

Die vollständigste und klarste Darstellung
des besonderen Gerichtes bietet ein Fresko
in der Katakombe des hl. Hermes aus
dem Ende des vierten Jahrhunderts. In
der Mitte der Scene sitzt auf einem hohen
Podium mit vier Stufen Christus als
Richter. In der Linken hält er eine offene
Rolle (das Verzeichnis der guten und
bösen Werke), mit der Rechten berührt er
den Kopf eines auf ebener Erde stehenden
Gläubigen. Zu beiden Seiten von diesen
stehen zwei Heilige. Sie haben in der
Linken eine geschlossene Rolle und weisen
mit der Rechten ans ihren Klienten hin,
als wollten sie ihn verteidigen. Sie

fungieren also in der Tat als seine
„Sachwalter". Der llrteilssprnch ist schon
gefällt, und zwar in günstigem Sinne.
Daran erinnert die ans dem Haupte des
Verstorbenen ruhende rechte Hand des
Richters. Auch die Haltung des ersteren
als Orans kennzeichnet ihn als einen der
Seligkeit Teilhaftigen. Man könnte also
unter das Bild dieselben Worte schreiben,
welche in einer Katakombe in Vercelli über
dein Grabe eines Priesters namens Sar-
mata stehen, welcher zwischen den Gräbern
zweier Märtyrer beigesetzt wurde:

O felix, gemino nieruit qui Martyre
düci

Ad Dominum meliore via rcquiemque
mercn!

[D der Glückliche, der es verdient hat,
von zwei Märtyrern ans dem besseren Weg
znm Herrn begleitet und des Friedens
teilhaftig zu werden!) — Eine ganz ähn-
liche Darstellung befindet sich in der syra-
knsanischen Nekropole Cassia. Als Für-
sprecher fungieren die Apostelfürsten Petrus
und Paulus, was durch beigefügte In-
schriften erklärt ist.

Ans verschiedenen Bildern sind den gött-
lichen Richtern Beisassen gegeben, welche nach
Art von Schöffen am Urteilssprnche teil-
nehmen. Nach Matth. 19, 27 ff. sind
als solche in der Regel die Apostel ge-
dacht. Aber auch sonstige, namentlich
Lokalheilige komme» vor. Das voll-
ständige Apostelkollegiunt bietet das Fresko,
welches in einer Rischenleibnng der Krypta
der sogenannten kleinen Apostel unweit
der Basilika der hl. Petronilla angebracht
ist (aus dem Jahre 348). In der Mitte
sitzt der göttliche Richter. Er ist jugend-
lich und durch den Nimbus um das
Haupt ausgezeichnet. Seine Rechte macht
den Nedegestns, die Linke ist unter dem
Pallium verborgen. Zu beiden Seiten
von ihm sitzen ans einer gemeinsamen Bank
die zwölf Apostel, dem Herrn zunächst die
Apostelfürsten Petrus und Paulus/) die
an ihrem traditionellen Typus erkenntlich
sind. Einige der Jünger stützen ihre
Rechte auf eine geschlossene Schriftrolle,
andere gestikulieren, wodurch ihre Beteili-

') In allen Aposteldarstellungen der Kala
! koinben nimmt der hl. Petrus den Ehrenplatz
j zur Rechten des Heilands ein.
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