Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

Seite: 33
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Häufigkeit sich vorfindenden Orunten
zu erkennen, stehende Figuren männlichen
oder weiblichen Geschlechts in den Ge-
wändern der „Himmlischen", die ihre
Arme zum Gebet ansgebreitet halten.
Wilpert hat mit großer Sorgfalt sämt-
liche bekannte Orantenbilder (153 an der
Zahl) nach ihrer Bedentnng untersucht
und kam zum Resultat, daß nicht einer
einzigen Ausnahme ein anderer Sinn
unterzulegen sei. Er weist die noch von
de Rosst gebilligte Annahme, daß die
ältesten Oranten ein „Symbol der betenden
Kirche" seien, mit großem Scharfsinn
zurück. Ebensowenig sind dieselben als
„Adoranten", d. h. als Anbeter des
ewigen Lichtes, anzusehen, denn der
Gestus der Anbetung war ein ganz
anderer. Auch an ein Dankgebet für die
gewährte Aufnahme in den Himmel wäre
nach Wilpert nicht zu denken, denn keine
einzige Inschrift würde diese Annahme
unterstützen.') Somit bleibt nur die Für-
bitte übrig für diejenigen, welche noch des
Gebetes bedürfen — die hieniedeu zurück-
gelassenen Angehörigen und Mitchristen.

Wenn schon gewöhnliche Verstorbene
um ihre Fürbitte für die Lebenden ange-
rufen werden, so ist das Gebet ausge-
zeichneter Heiliger und Märtyrer umso-
mehr geschätzt. Wir finden diese als
betend dargestellt bald für sich, bald wie
sie am Gebet der dahingegangenen Fami-
lienglieder teiluehmen. Berühmt ist in
dieser Hinsicht die Darstellung der G o t t e s -
mutter als Orans ans einein Fresko
des Coemeterium maius aus der Mitte

') Daß die wenigstens teilweise Annahme
eines Dankgebets der Verstorbenen für die
erlangte Aufnahme in den Himmel wirklich so
schlechthin ansznschließen sei, wie Wilpert aus
dem Mangel entsprechender Inschriften folgern
zu müssen glaubt, scheint mir freilich doch nicht
hinreichend konkludent. Legen nicht gerade die
in Orantenstellung vorgeführten biblischen
Personen, wie Noe, Jonas, Daniel unter den
Löwen, die drei babylonischen Jünglinge im
Feuerofen, die freigesprochene Susann«, den Ge-
danken au ein Dank gebet für die Erlösung aus
der Not zwingend nahe? Demnach war der
Gestus des Dank- und Fürbittegebets ein und
derselbe und läßt sich ohne anderweitige, beson-
ders inschriftliche Fingerzeige nicht unterscheiden.
So viel aber ist jedenfalls durch Wilpert er-
wiesen, daß die „Oranten" Bilder von Ver-
storbenen sind, die schon in der Seligkeit befind-
lich gedacht werden.

des vielten Jahrhnuderts. Während die
Leibung einer Grabnische das Medaillon
des jugendlichen Christus und rechts und
links davon das Brustbild eines Mannes
und einer Frau als Oranten schmücken, füllt
die Limette der Rischenhinterwand zwischen
zwei einander zugewendeten Monogrammen
Christi das Brustbild Mariä, bekleidet mit
einem weißen, durchsichtigen Schleier und
reicher, purpurverzierter Dalmatik — eines
der schönsten Madonnenbildnisse der Kata-
komben. Von dem vor ihrer Brust
sitzenden oder stehenden Christusknaben ist
nur der Kopf und ein Teil der rechten
Schulter erhalten. Also nicht nur ail die
im Grabe beigesetzten Anverwandten, son-
dern auch an die Mutter des Herrn selbst
geht die Bitte, oder vielmehr es wird die
Erfüllung derselben schon vorausgesetzt,
„daß sie unser in ihren Gebeten gedenken,
weil sie bei Christus sind", wie die oft
zitierte Inschrift des Gentiauus mit Worten
sagt. Rennt doch schon hundert Jahre
früher Jreuäus Maria „unsere Sach-
Ivalterin" (adv. häres. 5, 1Ü).')

So ist also die Liebes- und Gebets-
gemeinschaft der diesseitigen und jen-
seitigen Kirche in den Malereien der
Katakomben nach allen Seiten hin zur
Darstellung gebracht: „Die Hinterbliebenen
beten für ihre verstorbenen Angehörigen;
sie wenden sich, um ihren Gebeten eine
größere Kraft zu verleihen, an die Hei-
ligen, ans daß diese, auf Grilnd ihrer
überreichen Verdienste, für die Verstorbenen
bei bent göttlichen Richter ein Wort der
Fürsprache einlegen möchten. Die Hei-
ligen erfüllen diese Bitte und verwenden
sich als Advokaten für ihre Klienten.
Das Urteil des Richters ist ein günstiges:
die Verstorbenen werden unter die Ans-
ermählten ausgenommen. Zu den himm-
lischen Freuden zugelasseu, vergessen sie
ihre Angehörigen nicht, die sie auf Erden
zurückgelassen haben, sondern beten für

’) Für die älteste Ikonographie Mariä ist es
interessant, was Wilpert durch ei» reiches Beweis-
material nachgewiesen hat: 1. daß Maria stets in
ihrer Beziehung zu Christus dargestellt
wird, 2. daß die Madonnenbildnisse schon äußer-
lich von denen anderer Mütter dadurch unter-
schieden sind, daß Maria das Kind stets vor
der Brust hält, während die Sprößlingc
anderer Matronen neben diesen stehend er-
scheinen.
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