Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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Brunnen bildet ein längliches, offenes
Becken, zu dem man einige Stufen hinab-
steigt, und ist am Kopfende durch einen
mit Krabben geschmückten und mit dem
Kreuz gekrönten Giebel abgeschlossen. Die
Brunnenränder, mit Sitzen versehen, sind
mehrfach abgestuft. Der Kalvarienberg,
mit reichem Figurenschmuck versehen, macht
eher den Eindruck eines alten Druiden-
monuments als den eines christlichen
Kalvarienbergs. Brunnen und Kalvarien-
berg gehören der frühgotischen Zeit an.

Mit dem Eintritt der Gotik wurden
die Brunnen in den Klöstern auch inehr
dekorativen Zwecken dienlich gemacht. So
besitzt Frankreich in seinen Klöstern aus
der gotischen Zeit manchen künstlerisch
wertvollen Brunnen. Bei den Ziehbrunnen
kommen die herrlichen Schmiedearbeiten auf.

Die Brunnenkapelle in St. Brieuc im
Departement Cütes du Nord, die soge-
nannte Chapelle de Notre Dame de la
Fontaine, bildet den Anbau einer Kirche
und besitzt einen sehr schönen Brunnen
aus dem 13. Jahrhundert, Rotre Dame
in Paris hat in seinem Hofe einen schönen
Brunnen ans dem 14. Jahrhundert. Das
Becken ist von Giebeln bekrönt und wird
durch einen runden Aufsatz, der mit dein
Kruzifix geschmückt ist, überragt.

Alle Brunnen der gotischen Zeit in
Frankreich aber übertrifft an künstlerischem
Wert der herrliche sogenannte Moses-
brunnen in Dijon, dessen Reste nech be-
redte Zeugen dieses herrlichen Kunstwerks
sind. Dieser Brunnen wurde 1399 von
dem Vlamen Clans Sluter für das Kar-
täuserkloster Champmol in Dijon in Stein
ausgeführt; der ganze Brunnen bildete
einst einen hohen Aufbau mit der Kreuzi-
gungsgruppe als obersten Abschluß. Er-
halten hat sich das Mittelstück mit den
sechs Prophetenfiguren. Am oberen Rande
dieses Mittelstücks sind sechs klagende
Engel angebracht, zwischen diesen, in mit
Kleeblattbögen verzierten Nischen, befinden
sich die Statuen der sechs Propheten, die
durch zierliche, mit hübschen Blattkapitälen
geschmückte Säulchen von einander ge-
trennt sind. Die Gestalten der Propheten
sind von vollendeter Charakteristik und
einer Kraft der Behandlung, welche schon
das Entstehen einer neuen Zeit, einer Zeit
des Realismus, ahnen läßt.

Unter den Ziehbrunnen mit künstlerischen
schmiedeisernen Arbeiten ragt der Brunnen
im Spital zum hl. Geist zu Braune im
Departement Cote d'Or hervor. Derselbe,
mit einem hohen sckmiedeisernen Aufbau
versehen, ist reich mit zierlich gearbeiteten
Krabben besetzt und bietet mit dem neben
ihm stehenden Kalvarienberg ein überaus
malerisches Bild.

Wenden wir uns nun den alten Brunnen
mit kirchlichen Beziehungen in Deut sch -
lau d zu. — Die romanische Periode hat
uns an Brunnen in Kirchen und Klöstern
nichts Hervorragendes hinterlassen. Viel-
fach sind die Brunnen aus romanischer
Zeit in der gotischen bem Zeitstil gemäß
umgeändert worden. Von St. Peter zu
Hirsau wissen wir, daß Abt Wilhelm
einen offenen Vorhof vor seiner Kirche an-
legte, und darf man annehmen, daß sich
in der Mitte dieses Vorhofes auch ein
mehr oder weniger künstlerisch gestalteter
Brunnen befand, wie in seinem Vorbilde,
der Petersbasilika zu Rom.

An der Katharinenkapelle in Külsheim
in Baden ist noch ein Brunne» aus spät-
romanischer Zeit erhalten, der wahrschein-
lich errichtet wurde, um das für den
Kirchendienst nötige Wasser zur Hand zu
haben. Der Brunnen baut sich ans einem
dreistufigen Sockel in drei übereinander
liegenden runden und sich nach oben ver-
jüngenden Becken auf. An dem obersten,
kleinsten Becken sind sechs Löwenköpfe als
Wasserspeier angebracht.

Im Kreuzgang des Klosters Maul-
b r o n n ist noch in der Brunnenkapelle der
alte, jetzt wiederhergestellte dreischalige Klo-
sterbrunnen erhalten. Die unterste Schale
stammt noch von dem ursprünglich romani-
schen Brunnen, der in gotischer Zeit umge-
ändert wurde, die mittlere Schale ist neu, die
oberste, spätgotische stammt aus der Zeit der
gotischen Umänderung des Klosterbrunnens.
Diese oberste, kleinste Schale aus Bronze
ist reich mit Ornamenten geschmückt und
mit gotischer Schrift versehen, auch findet
sich an dieser Schale das pfälzische Wappen
und der Abtsstab. Die beiden oberen
Becken haben als Wasserspender sechs
Löwenköpfe. Sehr originell ist der oberste
Abschluß des Brunnens mit einem turm-
artigen, fensterartig durchbrochenen Auf-
bau, der in seiner Spitze mit einer Kreuz-
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