Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

Seite: 42
DOI Heft: 10.11588/diglit.15938.19
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15938.21
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15938.22
DOI Seite: 10.11588/diglit.15938#0052
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1905/0052
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
diese Bedeutung war wohl auch im Mittel-
alter weithin bekannt, so daß man bei
Aufführung von kirchlichen Gebäuden dar-
auf Rücksicht nehmen konnte. Selbstver-
ständlich mußte dann diese Symbolik nicht
bloß bei den Fenstern, sondern auch noch
in anderer Weise ans der Nordseite zum
Ausdruck kommen. Daß dies geschehen,
läßt sich durch viele Beispiele beweisen.
Wir wollen nur einige Andeutungen geben.
Wenn bei Darstellung der Propheten und
Apostel dieselben einander so gegenüber
stehen, daß die Propheten die Nordseite,
die Apostel die Südseite der Kirche ein-
nehmen, so darf man hierin eine Anwen-
dung unseres Gesetzes erblicken. In dem
Werke: „Freiburg in: Breisgau. Die
Stadt und ihre Umgebung. Herausgegeben
von dem Badischen Architekten- und Jn-
genieurverein" haben wir S. 281 fol-
gende beachtenswerte Notiz gefunden:
„Bei der Betrachtung des äußeren Chores
springt jedem sofort ins Auge, daß die
Nordseite gegenüber der Südseite äußerst
dürftig ausgestattet ist und noch weil
weniger Schmuck aufweist, als es aus
dem wiederholt erwähnten Gebrauch (?)
allein sich erklären läßt. Während z. B.
die Stirnseiten der südlichen Strebepfeiler
Figurennischen besitzen und selbst die
Pfeilerflächen durch Maßmerkfüllungen be-
lebt sind, ist ans der Nordseite alles kahl
und schlicht bis zur Nüchternheit. Wir
irren wohl nicht, wenn wir diese ganz
auffallende Vernachlässigung einem all-
mählich eingetretenen Mangel an Bau-
kapital und der andauernden Ungunst der
politischen Verhältnisse zuschreiben."

Am S. Martiusmünster in Colmar
macht sich die Armut der Nordseite zu-
nächst fühlbar durch das Fehlen des orna-
mentierten Gesimses, dem Dach entlang
unter der Mittelgalerie. Interessant ist so-
dann, daß die Skulpturen ans Heidnisches
Hinweisen, während die herrliche figuren-
reiche Südfront auf das Erlösnngswerk
anspielt. Wo ?. Kuhn O. 3. 8. in seiner
allgemeinen Kunstgeschichte von der Fassa-
denbildnng des Kölner Domes spricht, be-
ginnt er mit den Abschlüssen des Kreuz-
schiffes und bemerkt, daß sie zu monumen-
talen, mächtig wirkenden Fassaden und
Eingängen entwickelt seien, zumal der
südliche. Durch die Anlage von drei

überaus reichen Toren erhält er eine be-
stimmt ausgesprochene Dreiteiligkeit. —
Von der Deutschordenskirche in Würzburg
meldet ein Eintrag in unserem Notizheft:
Die Nordseite ist — wie gewöhnlich
weniger reich gestaltet. In der Tat, wir
brauchen gar nicht in die Ferne zu gehen,
um uns hievon zu überzeugen. Auch die
alten Kirchen in unserem Lande zeigen
auf der Südseite, namentlich bei den Por-
talen, reichere Entwicklung und reicheren
Schmuck als auf der Nord feite, denken
wir — von allen anderen Kirchen abge-
sehen, nur an die Kirchen von Gmünd
und Rottweil. — Eine außerordentliche
Eigentümlichkeit, eine Mischung von Ge-
setzmäßigkeit und llnregelmäßigkeit, weist
der Don: von Regensburg nach der Be-
schreibung von Küster ans. Die Nord-
halle unterscheidet sich von der Südhalle.. .
besonders durch die Fenster, die hier nicht
die hochstrebenden Verhältnisse der Süd-
fenster haben, nur zur Hälfte ihrer Größe
Licht einströmen lassen, aber im Maßwerk
reicher und vollkommener entwickelt sind.
Reichprofilierte Spitzarkaden, wie mir sie
unter der Galerie der Südhalle finden,
fehlen der Nordwand gänzlich. Wesentlich
unterscheidet sich auch die Nordtnrmhalle
von jener des Südturmes. Sie zeigt ein
völlig ausgebildetes Sterngewölbe und an
den Wänden hohen Fignrenreichtum und
Blendmaßwerk, Zierden, die dem gleich-
teiligen Südbau fehlen. Auch die Nord-
wand des Kreuzschiffes weicht in ihrem
Schmucke von der Südseite ab. Wir be-
merken hier nur ein paar kleine Fenster-
zwickel, während die Südseite von einem
herrlichen Fenster durchbrochen ist. — Man
spricht von einem Kunstverständnis und
denkt dabei gerne nur an ganz feine und
subtile Sachen. Wir möchten glauben, daß
es noch manche ganz naheliegende Dinge
gebe, welche ein Recht darauf haben, ge-
sehen und verstanden zu werden. Es würde
uns freuen, wenn unser Artikel da und dort
die Sehkraft in etwas geschärft hätte.

Schwein und Esel an sepulkralen
christlichen Denkmälern.

Von Dr. Theodor Scher m a n n.

Unter den calchi oder Abklätschen
von Inschriften, welche ich mir aus den
loading ...