Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

Seite: 45
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eine religiöse Saite angeschlagen, oder
meint wirklich die religiöse Idee die
Oberhand gewinnt — wie oft muß sie
es sich gefallen lassen, ins Sentimentale,
Phantastische nnd Märchenhafte verzerrt
zu werden! Eine mehr oder weniger
sinnlich nnLstaffierte Feenfignr mit Flügeln
muß den Todes- oder Friedensengel
markieren, während es doch durchaus un-
geziemend ist, Engel weiblich darznstellen.
Kindergräber behüten — weinende oder
schlafende Engelein! >) — Fürwahr! man
braucht kein Pessimist zu sein, um zu-
gestehen zu müssen, daß unser Gräber-
schmuck schon lange ein vergessenes Stief-
kind der chnstlichen Kunst geworden ist.

Noch immer dominiert zwar »eben
diesen Modezugeständnisseir das Kreuz,
besonders in bürgerlichen und ländlichen
Friedhöfen — an und für sich das schönste
Zeichen des festen Christusglaubens nnd
der zuversichtlichen Heilshoffnung sowohl
der Dahingeschiedenen als der Hinter-
bliebenen. Aber wenn Hunderte solcher
Denkmäler, meist wie ein Ei dem andern
gleichend, nebeneinander stehen, so wirkt
dies öde und drückend auf den Beschauer,
Wenn man zudem auch die Inschriften
mustert, die znm größten Teil mit der
Idee des Kreuzes nicht bloß in keinem
Zusammenhang stehen, sondern mitunter
höchst banale und nnchristliche Phrasen
enthalten, so könnte man versucht sein,
zu vermuten, daß selbst der Krnzifixus
zur leeren „Staffage" geworden ist. Kein
Wunder also, daß ein Gang durch unsere
jetzigen Friedhöfe in einem glaubensinnigen
Geniüte nicht mehr gleichgestimmte Accorde
zu wecken, sondern kaum weiteres als eine
trübselige, unfruchtbare Novemberstimmung
zu erzeugen im stände ist. Wie ganz
anders muß der Eindruck gewesen sein,
den der künstlerische Schmuck der alten
„Cömeterien" ans die frommen Besucher
machte! War er nicht eine in endlosem
Wechsel an alle Wände gemalte und ge-
meißelte Predigt über das Eine Thema: -> Ne
contristemini sicut et ceteri, qui spem
non habent!« — „Seid nicht traurig,

q Der technische n Aollendnng mancher der-
artiger inhaltlich nicht zu lobender Darstellungen
soll deswegen keineswegs die gebührende Anerken-
nung versagt sein!

wie die übrigen, die keine Hoffnung haben!"
(I. Thess. 4, 22)?

Könnten daher nicht ans dem Studium
der altchristlichen Grabdenkmäler nnd aus
dem Hineinleben in ihren so glaubens-
starken nnd hoffnnngsfrohen Geist auch
unserer modernen christlichen Sepnlkral-
knnst neue Anregungen nnd neues Leben
ersprießen? Es handelt sich selbstverständ-
lich nicht um eine sklavische Nachahmung
der Antike in Form und Technik, welchen
ganz ändere Verhältnisse zu Grunde lagen.
Dort hatte der Künstler mit engen,
dunklen Gängen zu rechnen, mußte sich
daher meist ans eine in großen Konturen
angelegte und mit satten Farben ausge-
süllte Malerei beschränken, während die
Plastik nur selten Anwendung fand; hier
unter freiem Himmel tritt schon wegen
der Witterungseinflüsse die Plastik in
den Vordergrund, nnd der Künstler kann
dank dem ungehinderten Lichte die zartesten
Töne und Schatten verwerten. Auch der
Stil nnd der Kunstgeschmack ist ein anderer
geworden. Manche symbolische nnd alle-
gorische Darstellung wäre heutzutage nur
mehr Archäologen verständlich. All diesem
müßte Rechnung getragen werden. Den-
noch bliebe eine schöne Reihe nachahmungs-
würdiger Muster übrig, deren Rach- und
Umbildung auch neuzeitlichen Kirchhof-
denkmälern eine sinnige Zierde und er-
quickende Abwechslung bieten würde. Wie
sodann die altchristlichen Künstler ihre
Motive hauptsächlich aus der Liturgie
entnommen haben, so könnte auch heute
noch manche fruchtbare Anregung direkt
aus dieser Quelle geschöpft werden. —
Ohne erschöpfend sein zu wollen nnd ohne
dem subjektiven Geschmacks Schranken zu
setzen, erlaube ich mir, eine Serie von
Stoffen anzuführen, deren plastische Aus-
führung eine ebenso würdige als dank-
bare Aufgabe für die Künstlerhand wäre.

I. Statuen:

1. Jesus, der A n f e r st a » d e n e,
wie er dem „Tode" den Fuß auf den
Nacken setzt, — mit der Inschrift:

„Tod, wo ist dein Sieg? Tod,
wo ist dein Stachel?" (I.Kor. 15,55).

2. Der „Gute Hirt" (nach bem
lateranischen Vorbild), welcher ein Schaf
auf der Schulter trägt, lieber die sym-

> bolische Bedeutung dieser Darstellung
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