Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

Seite: 53
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Unt 1850 sah St. Marti», wie ei»
alter Ehinger sich ausdrückte, »och eher
einer Räuberherb'erge als einem Gottes-
hause ähnlich. Die erblindeten Fenster-
scheiben waren zum Teil hinausgeschlagen
und trotz dieser verbesserten Ventilation
überzog Schimmel die Wände, da ans der
Sonnenseite einige Bäume dem Lichte den
Zutritt verwehrten. Staub entstellte die
wenig hereinpassenden und ans den Fugen
weichenden Altäre, morsche Bretter bildeten
die Decke des Schiffes; vor der Hanpt-
fafsade stand noch die alte Friedhofmauer.
Und doch wurden in dieser Kapelle jähr-
lich zwei feierliche Hochämter gehalten:
eines in der Bittwoche und eines an
St. Martinus!

Um 1870 wurde nun die Mauer vor dem
Portal entfernt. Im Jahre 1878 aber
stiftete Stadtrat Joseph Straub sechs
farbenprächtige Glasfenster mit je einer
Heiligenfigur in reicher spätgotischer Or-
namentik und lies; einen neuen Platten-
boden legen. Vor sechs Jahren wurden
dann durch einen Zementkandel rings um
die Kapelle die Wände trocken gelegt,
was sich sehr gut bewährt; vor zwei Jahren
endlich auch die alten Bäume entfernt.
Da auch das Dach in gutem Zustande
erhalten wurde — es soll übrigens gegen
Schneewehen noch eine sog. Verspatznng
erhalten — so war also die unbedingt
notwendige Vorarbeit vor jeder Ver-
schönerung des Innern geschehen. Letztere
aber war noch sehr zu wünschen.

Das Zustandekommen derselben ist der
energischen Initiative und Opferwilligkeit
des hochw. Herrn Stadtpfarrers
Ströbele in erster Linie zu verdanken.
Zum großen Vorteil für das Werk setzte
sich derselbe mit einem eigentlichen Künst-
ler und besonders tüchtigen Meister in
der monumentalen Malerei, einem Vor-
standschaftsmitglied des Diözesanknnst-
vereins: Herrn D i r e k t o r K o l b in Stutt-
gart in Verbindung, dessen Rat auch bei
der Erneuerung der Ehinger Liebfrauen-
kirche 1897/1898 maßgebend gewesen war.
Während nun diese beiden Herren dort
streng konservativ verfuhren, alles an
seinem Platze beließen, nur gereinigt und
aufgefrischt, so mußten sie sich hier zu
einer durchgreifenden Veränderung der
ganzen Innenausstattung entschließen und

zwar mit Rücksicht ans die Erbauung der
Gläubigen und ans die harmonische Ge-
samtwirknng. Jeder andächtige Besucher
einer Gottesackerkapelle erivartet es ja
doch als selbstverständlich, daß die Dar-
stellungen in einer solchen in erster Linie
sich ans die ernsten und trostreichen Ge-
danken an Tod und Auferstehung be-
ziehen werden. Davon war aber in der
ganzen Kapelle nichts zu entdecken. Der
Hochaltar zeigte unten Martinus als Reiters-
mann und oben ein Marienbild; der eine
Nebenaltar Mariä Verkündigung, der andere
Mariä Krönung je mit einigen Heiligen-
statnen. Also drei Marienaltäre! Eben-
so sehr fehlte die harmonische Gesamt-
wirkung: Auch wer kein Purist oder
Stilfanatiker ist, findet es schlecht zu-
sammenstimmend, wenn in einer Kirche
von spätgotischer Architektur und mit
ebensolchen Glasgemälden, der Hochaltar
Rokoko mit gotischen Figuren (die
offenbar von dem ursprünglichen Altäre
einfach herübergenommen waren) zeigt und
die Seitenaltäre Renaissance! Diese letzteren
mußten ferner wiederhergestellt und er-
gänzt werden, um vor Verfall gerettet
zu werden uub zu richtiger Geltung zu
kommen — dann aber wurden sie zu groß
für die Kapelle!

Allerdings soll kein Altertum von
irgend einem Werte, so lange man es
irgendwie verwenden kann, veräußert
werden. Dieser Grundsatz wurde auch
hier, soweit irgendwie möglich, festgehalten.
Alan entschloß sich, die beiden Nebenaltäre
wieder an ihren ehemaligen Standort,
in die Stadtpfarrkirche znrückznschaffen,
vom Hochaltar nur den Rokoko-Aufbau zu
verkaufen, die alten fünf gotischen Fi g u r e n
aber in den neuen gotischen Altar zu stellen.

Im Juli 1902 wurde die Sache vor
den Stiftun gsrat gebracht; dieser ver-
willigte die Kosten der Gerüstnng und der
notwendigen Maurerarbeiten, alles übrige
erbot sich der Herr Stadtpfarrer teils zu
ersainmeln, teils selbst zu bezahlen. Und
nun ging man ans Werk. Herr Direktor
Kolb malte als Ehinger Bürgerssohn das
Gemälde in der Fassade (Martinus zu
Pferd mit dem Bettler) in Keimschen
Mineralfarben gratis, für die fünf Ge-
mälde im Innern begnügte er sich mit
900 Mark; dafür fertigte er noch die
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