Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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besser gelüftet, sondern auch den Betern
und Besichtigern über TagS offen gehalten
werden. Blau versucht gegenwärtig im
Volke wieder den Kunstsinn zu wecken,
indem man allerlei Abbildungen in den
Schulen anfzuhängen verlangt. Die Reli-
gion hat schon längst eine wirklich popu-
läre Kunst geschaffen; religiöse Darstellungen
versteht jedes Kind von selbst oder nach
kurzer Erklärung und — was die Haupt-
sache ist — sie sprechen allen zum Herzen.
Oft trifft man auch wirklich Kinder an,
die es von dem davorliegenden Spielplatz
hineingezogen hat. Es kann nur den
Geschmack veredeln, wenn von der em-
pfänglichen Jugend die Kunstwerke und
die sehr saubere Arbeit der Kunsthand-
werker fleißig angeschaut werden. Der
Gesäurt ein d ruck, den das Innere
macht, ist jetzt von schönster Harmonie.
Beim Heraustreten aus dem Innern fallen
uns zrvei Grabplatten auf, links und rechts
vom Portal; dieselben waren Altarsteine
gewesen und sollen so vor Profanierung
geschützt bleiben. Ans beut einen sehen
wir nur ein Kreuz, auf beut andern
dagegen das bekannte Einhornmappen der
Familie Locher in schöner gotischer Arbeit,
auch der Raine Locher selbst oben ist noch
nicht ganz der Verwitterung zum Opfer
gefallen. Demnach hätten wir es mit
einem Gedenkstein eines Verwandten oder
Vorfahren des Humanisten Jakob Locher,
genannt philomusus, zu tun.

lieber dem Portal steht die Jahreszahl
1591, welche auch im Innern noch ein-
mal angebracht ist. Sie erklärt uns die
Verbindung von spätgotischer Architektur
mit einer Rennissance-Kassettendecke. Die
(bisher leere?) Nische über beut Portal
enthält seit drei Jahren ein Gemälde
Ko lbs in Mineralfarben, welche bis jetzt
dem Schlagregen gut stand gehalten haben.
Ganz in Eisen gehüllt wie ein Ritter zur
Zeit Maximilians I. teilt Martinus seinen
Mantel mit dem frierenden Bettler. Ein
Engel schwebt mit der bischöflichen Insul
heran. Als Motiv für das Stadttor von
Amiens verwendete Meister Kolb das abge-
brochene Klos-(--Rikolans)Tor von Ehingen,
zu dessen Rechten auch noch unsere Stadt-
pfarrkirche mit ihren Substruktionen und
das Stadtwappen sichtbar sind. Und nun
noch einiges über die Restauration

des Spethschen Altars. Dieser ist
bekanntlich der schönste unter den wenigen
Altären ans der Renaissance-Zeit, welche
in unserer Diözese die Zerstörungswut der
„Barbari" und „Barberini" überdauert
haben. Da nun in neuerer Zeit wieder
das Verständnis für die späteren Stile
gewachsen ist und manchen ein guter
Dienst geleistet sein dürfte, wenn sie sehen,
wie ein echter Renaissance-Altar gebaut
war und namentlich, wenn die ursprüngliche
Fassung eines solchen bekannt gegeben
wird, so wollen wir sie beschreiben und
weisen noch einmal auf die Abbildung hin
im „Archiv" Jahrgang 1888 Rr. t I.

(Schluß folgt.)

Ulitteilungen.

SB.« i | f e n a u. Die Gottesackerkirche in
Mariatalist dank den Bemühungen des Pfarrers
Geisinger, der Legate der verstorbenen Ge-
schwister Christian und Maria M aper von
Torkenmeiler und der großen Opferwilligkeit der
Pfarrangehörigen in letzter Zeit sehr gelungen
unter der Leitung des Diözesan-Kunstvereins re-
noviert worden. Mariatal hieß früher Maisun-
tnle und es befand sich daselbst ei» Prämon-
stratenserinnenkloster. Scho» im Jahre tltiti
wurde die Kirche in Maisuutal zu Ehren Mariä
nnd des hl. Nikolaus vom Bischof Otto von
Konstanz eingeweiht. Das jetzige Kirchlein steht
auf dem Fundamente des ehemaligen Klosters.
Wer es vor Jahren in seinem verwahrlosten Zu-
stande mit seinen, teilweise von Moos überzogenen
Boden gesehen, wird es heute kaum wieder er-
kennen, so schmuck steht es jetzt vor unseren
Augen. Die dem Zeitalter seiner Erbauung im
18. Jahrhundert entsprechenden Altäre im Rokoko-
stil sind durch Bildhauer Schlachter in Ravens-
burg ganz vortrefflich renoviert und wunderhübsch
gefaßt worden. Die Farben, mild und angenehm,
stimmen vorzüglich zusammen und die Marmo-
rierung ist naturähnlich gelungen. Die reiche
Vergoldung an Kapitalen, Muscheln und sonstiger
Zierat bringt eine herrliche Wirkung hervor. Der
alte figürliche Schmuck, außer den Statuen des
hl. Antonius und Joh. Nepomuck hauptsächlich
Engelsgestalten, bringt in seiner neuen Fassung
Leben in den Altaraufbau. Im Hochaltar befindet
sich das Gnadenbild: Maria,, die Himmelskönigin,
mit dem Kinde, das infolge der Renovation wieder
in voller Farbenpracht hervortritt. Der Hochaltar
ist zugleich Tabernakelaltar. Selbst die Altar-
leuchter, die man ehedem für die Rumpelkammer
gut genug hielt, bilde» in ihrer neuen Fassung
eine Zierde der Altäre. In schönster Harmonie
mit diese» und mit den Bildern an den Wänden,
wie auch unter sich selbst stehen die Farbentöne
an Wänden und Decke. Auch nicht ein einziger
greller oder mißfarbener Ton ist zu finden und
die Ausführung der Dekorationsmalerei gereicht
dem Malermeister Heinrich Reger in Ravens-
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