Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

Seite: 57
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Heransgegebe» und redigiert vo» Pfarrer Vctzel in St. Lhristina-Raoensbnrg.

Verlag des Rvttenburger Diözesan-Knnstvcreins;
Komniissionsverlaa von Friedrich Alber in Ravensburg.

Jährlich 12 Nmninern. Preis durch die Post halbjährlich M. 2.05 ohne
Pl* () Bestellgeld. Durch den Buchhandel sowie direkt von der Vcrlagshandlung I()0^
Friedrich Alber in Ravensburg pro Jahr M. 4.10.

Die Schweizer Scheiben im TUofter
Wettingen bei Baden.

Von Pfarrer Dctzel.

Im Laufe des 15. Jahrhunderts hat die
Tafelmalerei nach der Seite des Realist
mus bekanntlich einen großen Umschwung
erfahren und eS partizipierte hieran auch
die Glasmalerei. Der strenge Stil
mit seiner flächenhaften Komposition, mit
seinen Teppichmustern und mosaizierten
Hintergründen verschwand, Sinn und Ge-
schmack für volle Farben, wie monnmen-
tale Fassung verloren sich und man suchte
jetzt Gemälde herzustellen oder solche zu
reproduzieren. Je höher die Technik stieg,
desto mehr wetteifert jetzt die Glasmalerei mit
der Tafelmalerei, indem sie Gemälde mit
voller perspektivischer Wirkung einfach auf
Glas überträgt. Diese Art Glasmalerei
bemächtigt sich jetzt mehr und mehr der
Darstellung auch w e l t l i ch e r Gegen-
stände, sie verschwindet vielfach aus den
Kirchen und zieht in Profangebäude ein. Es
entsteht jetzt die Periode der gefälligen, aber
kleinlichenKabinetts- oderScheiben-
m a l e r e i. Dieser Zweig ver späteren Glas-
malerei kam besonders in der S ch w e i z
zu hoher Blüte und wurde bis ins ^.Jahr-
hundert hinein gepflegt. Hier war es näm-
lich Herkommen, bei besonderen Anlässen
den Kirchen, Klöstern, Rathäusern, Zunft-,
Gilden-, Gasthäusern und auch Trinkstuben
größere oder kleinere Scheiben mit Wappen
oder auch mit biblischen oder weltlichen
Darstellungen zu widmen. Die Kirchen,
die alten Klöster, die Rathäuser, besonders
die einzelnen Museen der Schweiz besitzen
noch eine Menge solcher Scheiben, das

Landesmuseum in Zürich birgt deren allein
gegen 600 Stück.')

Eine der größten und interessantesten
j Sammlungen von solchen Schweizer
Scheiben findet sich auch in dem Kreuz-
gange des ehemaligen Zisterzienserklosters
; We 1 tingen, eine halbe Stunde von
dem Kurort Baden in der Schweiz ent-
fernt. Die Gründung dieses Klosters
wird auf Heinrich von Rapperswpl znrück-
geführt.^) Er soll während der Rückkehr
von einer Reise ins hl. Land, ans stürmi-
scher See dem Untergang nahe, der heili-
gen Jungfrau gelobt haben, ihr zu Ehren
ein Kloster zu stiften, wenn sie ihn un-
versehrt den Seinen zurückbringe. Ein
leuchtender Stern verkündete die Erhörnug
des Gelöbnisses, das auch gehalten wurde,
bald nachdem der Pilger wieder der hei-
mischen Erde zurückgegeben war. Daher
soll auch das im Jahr 1227 von Hein-
rich gegründete Zisterzienserkloster bei dem
Dorfe Wettingen den Namen „Meeres-
stern", maris Stella, erhalten. Zn seinen
ersten Gönnern zählten außer der Stifter-
familie namentlich die Grafen von Kybnrg
und Habsburg. Im März des Jahres
1256 wurde unter dem ersten Abte Kon-
rad l. (1227 —1266) die Kirche samt ihren
acht Altären eiugeweiht.

In jüngster Zeit ist eine interessante
und sehr empfehlenswerte Schrift erschie-
nen von Dr. Heinrich Oidtmann über

') Vgl. vr. Hans Le h in an», Offizieller
j Führer durch das Schweizer Landesniuseuin.

! Zürich, Hofer u. Co.

Vgl. Dr. Hans Lehmann, Führer durch
Weitingen bei Baden. Aarau, 1894.
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