Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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Schweizer Glasmalerei,') in welcher dieser
kompetenteste Kenner dieses Kunstzweiges
und Leiter der Linnicher Werkstätte von
den Glasgemälde» in Wettingen (S. 187)
sagt: „Da der Kreuzgang von Kloster
Wettingen mit seinem außergewöhnlichen
Reichtum an Glasmalerei dem Beschauer
die ganze Entwicklungsgeschichte dieses
Knnstzweiges, die verschiedenen Arten der
Technik, endlich die Arbeiten mehrerer
Meister von Ruf vor Augen führt, kann
ein längerer Besuch nicht warm genug
empfohlen werden." Wir haben beiit Rate
Folge geleistet und der Sammlung einen
zweitägigen Besuch und eine eingehende
Besichtigung gewidmet. Wir möchten nun
mit unserem Bericht auch unsere Leser auf
diese hochinteressante Sammlung aufmerk-
sam machen und ihnen nahelegen, wie
höchst lohnend ein Besuch dieser Samm-
lung sei; wir folgen hiebei dem „Führer"
vr. Lehmanns und halten uns umsomehr
an seine Einteilung und Numerierung
der Bilder, als dieses Büchlein vergriffen
und im Buchhandel nicht mehr zu haben
ist. Es soll unser Aufsatz, in dem wir
auf besonders interessante und schöne
Scheiben noch näher, als dies der „Füh-
rer" tut, eingehen, ein kleiner Ersatz für
denselben sein.

Wir finden in dem Krenzgange zu
Wettingen die stattliche Zahl von 182
Scheiben (einschl. die Maßwerkfüllnnge»)
und sehen hier die Kunst der Glasmalerei
vertreten von beut Ende des 13. Jahr-
hunderts bis zu ihreiil Verfall. Leider
aber sind die Scheiben nicht nach irgend
einein System geordnet eingesetzt, weder
Zeit der Entstehung, noch Inhalt der Dar-
stellung, noch Art der Technik ist irgend-
wie berücksichtigt, vielmehr sind sie meistens
sinn- und gedankenlos nach Zufall auf-
gestellt und nur ans der Süd- und Ost-
seite findet sich eine größere Anzahl zu-
sammengehöriger .Scheiben bei einander.
Der „Führer" teilt sie nach ihrer Ent-
stehungszeit in vier große Gruppen ein.
Die erste umfaßt die Jahre 1290—1294,
die zweite 1517—1522, die dritte 1550
bis 1580, die vierte 1619—1026. Sie

') Dr. Heinrich Oidtmann, Geschichte der
Schweizer Glasmalerei. Leipzig, Alex. Dunker,
1905.

hängen demnach zusammen mit der ersten
Gesamtweihe des neugegründeteil Klosters
(1294), mit der Restallrationszeit nach
dessen Zerstörung durch einen großen Brand
im Jahre 1507, der Negierungszeit des
kunstliebenden Abtes Christoph Silberysen
(1563—1594) und den umfassenden Um-
bauten Peters lt. Schuiid in den beiden
ersten Dezennien des 17. Jahrhunderts.
Zwischen diese Gruppen reihen sich nur
ganz wenige Stücke ein.

Der Kreuzgang in Wettingen hat vier
Arme, Nord-, Süd-, Ost-, Westarm (welche
ich mit N S O W bezeichne) und alle
Fenster der vier Seiten bergen in ihrer
Mitte gemalte Scheiben; die einzelnen
Fenster sind mit römischen Zahlen uub
die einzelnen Klasgemälde mit arabischen
Zahlen bezeichnet sz. B. bi II 5 — Nord-
arm, zweites Fenster, Scheibe Nr. 5).

I.

Die erste und älteste Gruppe
von Glasgemälden birgt der Nord arm
des Krenzganges. Dieser Nordarin längs
der Kirche ist bei dem großen Brande am
11. April 1507 allein stehen geblieben und
es stammen deshalb hier die Füllungen
des Maßwerkes mit Glasmalereien wohl
ans gleicher Zeit wie dieses selbst. Es
sind ea. 40 Ornamente, welche meistens
im Drei- oder Vierpaß eingesetzt sind und
teils Rosetten, teils Laubornamente zeigen
und der Frühgotik angehören. Figürliche
Darstellungen sind es nur wenige. Am
interessantesten unter ihnen sind zwei
kleine M a d o n n e n b i l d e r in den
Maßwerken des ersten und dritten Fensters,
wohl ans gleicher Zeit uub aus gleicher
Hand wie die Ornamente. Beidemal
sehen wir die thronende heilige Jungfrau
mit dem Kinde. Die erste Darstellung
(N I 5) ist in einer Fünfblattrosette ganz
auf blauem Grunde komponiert und nur
von zwei goldenen Zweigen umgeben. Die
Madonna hat rotes Ober-und gelbes Unter-
gewand und trägt eine goldene Krone, die
frühgotisches Ornament zeigt. Das
Christnskind, ganz gekleidet in blaues Ge-
wand und mit goldenenl Kreuzesnimbns
steht ans dem linken Knie der heiligen
Mutter, seine Rechte hält zärtlich ihr Kinn,
während die Linke nach dem Apfel langt,
den die heilige Jungfrau darreicht. Der
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