Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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gegeben, sondern mit einmal in dickem
Anstrich, „restauriert". Diese Kruste mar
bald entfernt und was zeigte sich nun als
die ursprüngliche Fassung?

Antwort: sparsamste Verwendung bun-
ter Farbe, dagegen reichliche Verwendung
von Marmorierung und gediegener Ver-
goldung sowie Versilberung! Näherhin
ist der konstruktive Aufbau, also die
Schreinerarbeit, fast ganz marmoriert
(lasierte blaue Adern auf wachsweißem
Grunde); profilierte Einrahmungen und
die Voluten haben Glanzvergoldnng, welche
überhaupt sehr reichlich verwendet ist und
dem Ganzen eine brillante Wirkung gibt.
Die Säulen haben vergoldete Stege,
schmale dunkelblaue Kanellüren, marmo-
rierten, glatten Mittelschaft und auf dein
sog. Stuhle Glanzgoldornamente. Die
Hnnptnische ist Oelgold mit Glanzgold-
damaszeniernng; auch die Schnitzerei ihres
breiten Rahmens trägt Glanzgold. Sogar
die Figuren sind fast ohne Farben, nur
die nackten Teile haben Fleischfarbe, die
Gewänder und Flügel sind in Glanzgold
und Glanzsilber gehalten, die Futterstoffe
der Kleider und die Kaare sind ebenfalls
vergoldet, aber mit etwas Farbe über-
zogen. Kurz man sieht fast nichts als
Gold und Hellen, zartgeaderten Marmor.
Einstweilen ist der Altar mit dem gleich-
falls von Münch und in derselben Fassung
brillant restaurierten Pendant aus den:
Jahre 1706 in der Taufkapelle der Stadt-
pfarrkirche ausgestellt, bis einmal end-
gültig über die Platzfrage entschieden sein
wird'. Aber eines ist jetzt schon gewiß,
jedermann — das Naturkind wie der
Studierte — bewundert das restaurierte
Alte und kann nicht begreifen, wie inan
vor etlichen Jahrzehnten solche Werke be-
seitigen und dafür braun angestrichene
übereinander gestellte Kisten mit etwas
Ornamenten und unbedeutenden Figuren
für teures Geld als Altäre anschaffen
und anfstellen konnte. Die gegenwärtige
Nebeneinanderstellung fordert geradezu eine
vernichtende Kritik heraus! Für die
Restauration des Spethschen Altares erhielt
Bildhauer Binder 548 Mark unb Maler
Münch 573 Mark. Für die Restauration
des Pendants dazu von 1706 mit Mariä
Krönung in der Hnnptnische — dieser
Altar wird vom Volk hier beharrlich

„der Dreifaltigkeitsaltar" genannt — er-
hielt Binder 598 Mark und Münch 600
Mark. Auch diese beiden Meister ver-
dienen für ihre sorgfältige und sailbere
Arbeit warme Anerkennung. Die Be-
schäftigung mit einem alten Werke wirkt
aber auch zugleich erzieherisch auf die
Künstler, da sehen sie das beste Material
verwendet, alles genau und fest gefugt
und verzapft, was bei so vielen neueren
Arbeiten leider aus halbdürrem Holze eil-
fertig zusammengenagelt und geleimt er-
scheint. Kreide und Farbe müssen da auf
ein paar Jahre die Pfuscherei bedecken.')

Angesichts dessen möchte Referent fast
auch in die Klagen so mancher Ehinger
einstimmen, daß mau kein Altertum hätte
nach Volkersheim (Pfarrei Kirchbierlingen)
verkaufen sollen. Wer dort den sehr
schön restaurierten alten Rokokoaltar, den
um 1780 die Universität Freiburg (sie
hatte in Ehingen Güterbesitz und das
Patronat der Stadtpfarrei) als Hoch-
altar hieher stiftete, bewundert, der möge
anderseits nicht vergessen, daß nur das
Gehäuse ohne die Statuen verkauft
wurde und daß die letzteren in dem
neuen Hochaltar sehr passend plaziert
sind, daß ferner hier keinerlei geeignete
Verwendung für den ganz eigenartigen
Aufbau ausfindig zu machen war; er
paßt nur in eine Kapelle, wo er allein
steht, namentlich wegen seiner eigenartigen
Bekrönung im sog. „wilden Rokoko" oder

Zopf-

Die eben besprochene Restauration der
beiden Nebenaltäre und die Neuausmalung
ihres jetzigen Standortes in der Stadtpfarr-

') Dieser Spethsche Altar, eine Stiftung des
Ritters Georg v. Speth- Sulzburg und seiner
Gemahlin Ursula voiu Jahre 1615, hatte 1706
tu der Barockzeit ei» Pendant erhalten, in welchem
sein Aufbau so getreu als möglich nachgeahmt
wurde, nur die Ornamentik verrat den späteren
Geschmack etwas (doch mehr Spätrenaissance als
Barock'. So sehr imponierte das schöne Werk
noch danials! Soviel durch Umfrage bei den
ältesten Personen hier ermittelt werden konnte,
standen beide Altäre nie in der Gymnasiumskirche,
sondern ursprünglich in der Stadtpfarrkirche, bei
deren Brand >749 sie gerettet wurden, um später
in die Gottesackerkapelle versetzt zu werden (etwa
1830); allein mit vandalischer Verstümmlung.
Da sie für die schmale und niedere Chorbogen-
wand zu groß waren, so wurde je eine Seiten-
nische mit Wappen, Statuen und Ornamenten
einfach abgetrennt und entwendet.
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