Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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Waschen der Hände für den Zelebranten
in Gestalt einer Taube, welche nicht
mit den Tauben - Ciborien zu verwechseln
sind. Im Erfurter Dame waren einst auch
zwei Fistulae Eucharisticae ver-
wahrt, welche metallene Röhrlein, Kelch-
Röhrleiu, auch ganz einfach „Röhrlein"
(Luther, Vermahnung zum hl. Abendmahl,

S. 35) genannt, desgleichen Suce-Sang,
Sanguisuchelli, waren, durch welche, aus
dem Kelch gesogen, das Blut Christi ge-
nossen wurde, als in früheren Jahr-
hunderten der christlichen Kirche das
Abendmahl, wie ursprünglich, noch unter
beiderlei Gestalt gespendet, empfangen und
genossen wurde; sie wurden bei dem
hl. Abendmahl gebraucht, den Wein aus
dem Kelche behutsam zu trinken. In
den ersten Jahrhunderten der christ-
lichen Kirche wußte man zwar noch nichts
von denselben; immerhin geht ihr Ge-
brauch viel weiter hinauf als ins 12. Jahr-
hundert, wie einige meinen r^uensedii
Artiquitat. Eccles. p. 392; Buderi
Diss. de symbolis eucharisticis, § 11);
schon lange vor dem 9. Jahrhundert
waren diese Kelch - Röhrlein in der latei-
nischen Kirche im Gebrauch (so anno 754;
Laussay, de mysticis Galliae scrip-
toribus. p. 482; Casseli, de ritibus
Sacro-profanis, p. 419). Der diaconus
tat das Röhrchen in den Kelch und reichte
denselben so den Christen der Gemeinde
(Du Fresne, glossar. Ill, p. 531;

T. F. 13 u d d e i Diss. de symbolis
Eucharisticis, Wittenberg, 1681; Rix-
neri Liber de veteium Chiistianorum
circa S. Eucharistiam institutis ac
ritibus, Helmstaed, 1671). Solche Saug-
oder Kelch-Röhrchen sind bei Otte,
Handbuch der kirchl. Kunstarchäologie,
5. Auflage, >883,1, S. 219 in Figur 76
mehrere (aus Göttweig, Witten rc.) ab-
gebildet und verzeichnet mit der Erklärung:
Zllr »sumtio sanguinis« bei der Aus-
spendnng des Weins an die Laien ge-
brauchte mau, um die Gefahr der Ver-
schüttung zu vermeiden, etwa seit dem
9. Jahrhundert ein Saugröhrcheu
(fistulae calami, cannae, arundo, pipae.
sumptorii, Suctorii, Pugillares, Canales)
in der Form eines langen, dünnen, aus-
gehöhlten Stäbchens aus Gold, Silber
oder Elfenbein, zuweilen auch aus Glas,

welches mit einem oder mehreren kleinen
Handgriffen für den dasselbe haltenden
Diakon versehen, zuweilen auch gleich am
Kelch befestigt war und mit dem die Kommu-
nikanten den Wein aus dein Speisekelche
einsogen. Sie fanden sich übrigens auch
schon früher bei Motraye, vogage en
Europa etc., I, p. 26 abgebildet; auch
liegt eine Abhandlung von I. Vogt
Historiae fistulae eucharisticae, Bremae,
1740, über dieses Altargerät vor. Danach
wurden diese fistulae Angeführt aus Vor-
sicht, damit nicht etwa ein Tropfen von
dem Blute Christi verschüttet werde
(Leibnitiana, p. 206; Cipriani Hist.
August, confess., p. 301; Lindani Panopl.
evangel. L. IV C. 56; Burmanni
Exercit. Acad. II, p. 358). Wenn aus
Versehen dem Kelche ein Tropfen entfiel,
mußte derselbe mit der Zunge aufgeleckt
werden, und die Tafel wurde abge-
schliffen, abgescheuert, abgehobelt. Ja,
ein Breit, auf welches derselbe etwa ge-
fallen war, wurde verbrannt und die
Asche innerhalb des Altars aufbewahrt,
und der Priester mußte seine Unachtsam-
keit mit drei Tagen Fasten, Buße, Pöni-
tenzen büßen. Da damals noch Bärte
von Geistlichen getragen wurden, wie
leicht konnte nicht ein Tropfen in den-
selben hängen bleiben, wenn nicht durch
das Röhrlein gesaugt und der Kelch mit
den Lippen berührt wurde (Emulphi
Episcop. Epist. 1120 scripta, in Dacherii
Spicileg. 111, p. 471). So sagt auch
Luther: „Ihr habt bedacht, daß mau

mit Röhrlein aus dem Kelche trinken
solle, damit das Blut Christi nicht ver-
heeret werde." Den Gebrauch der Röhr-
lein hatte man noch lange bei dem soge-
nannten Spülkelche, und der Papst
hatte gleichfalls sein Sanguisuchello,
welches, wie Motrar>e es sah, aus
Gold war und ein aus einem Saphir
geschnitztes Mundstück hatte. In einer
näher nicht gekannten Dissertation (Apos-
pasmatia historiae P'istularum eucha-
risticarum, Osnabrück, 1741) von
K r ö ch e r wird das Aller dieser Kelch-
Röhrlein bis zur Zeit Karls des Großen
hinaufgesetzt; sie wird iu Oelrichs Zu-
sätzen (»Bpi ei legi um in Vogtii
Diss. in Ep. German, litterat. Opusc.«
1, p. 325) zu Vogts Schrift angeführt.
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