Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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oder bei dünn anfgetragenen Konturen
bemerkt man einen Stich ins Grane oder
Gelbliche, Grünliche, Bräunliche. Vor-
trefflich mußten die Schweizer Glasmaler
dieser Zeit besonders mit dem Silber-
gelb umzugehen.

Was die glasmalerische Durchführung
aulaugt, so ist sie verschiedenartig; bald
sind Schattierung und Modellierung weich
aus dem glatten oder körnig gestupsten
Ueberzug herausgeholt, bald mit dein
Pinsel leicht aufgemalt, bald mehr in
Strichmanier gehalten. Deul Scheiben-
riß entsprechend ist die glasmalerische Be-
handlung, sei es mit beni Pinsel oder mit
der Feder, meist von höchster Fertigkeit.
Die flotte Technik an den Werken der
Blütezeit bekundet eine nngemein große
Geschicklichkeit der betreffenden Glasmaler,
wir finden Schöpfungen von ausgesuchter
Feinheit und vollendeter Technik, aller-
dings auch andere, die weniger gut aus-
gefallen sind.

Das Bollendetste hat unsere Epoche der
Schweizer Glasmalerei in der Farben-
gebung geleistet. Eine sorgfältige Aus-
wahl der Hanptfarben, gleichmäßige Ver-
teilung derselben unter vorsichtiger Ab-
wägung ihrer Wertigkeit und Leuchtkraft,
dabei unübertroffene Feinheit der zart
gebrochenen Zwischentöne, das sind die
unbestreitbaren Vorzüge jener farben-
prangenden Glasschildereien der guten
Zeit, in welchen sich ein ungewöhnlich
ausgeprägter Farbensinn der alten Meister
knndgibt. Farbenwahl und Zusammen-
stellung in besseren Scheiben sind von
unnachahmlicher Gesamtwirkung. Zartes
Rosen- und feuriges Weinrot, reiner
Purpur, angenehmes Violett, welches auch
als Ersatz für Schwarz in Gewändern
benützt wird, ein teils lindes, teils leuch-
tendes Blau, ein samtenes Grün, ein
Gelb von Heller Zitronenfarbe bis zu
einem „schmutzigen", aber warm abge-
stimmten Notgelb, kurz, alle Farben sind
in einer Reihe von Abstufungen vertreten,
welche in Verbindung mit leicht grünlich
oder gelblich, nicht selten bläulich ange-
hauchtem „Weiß" dem Glasmaler so ent-
zückend schöne Farbenstimmungen ermög-
lichten.

Die Fleischteile wurden anfänglich weiß
gehalten oder man verwendete einen leicht

gefärbten, bläulich-rosa Ton; Bart und
Haare malte man gelb; letztere wurden
erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahr-
hunderts farblos, grau oder braun. Die
Farbengläser des Hintergrundes sind
Rot, Purpur, Violett, Blangran, Grün,
Gelb, in der Frühzeit nur vereinzelt Weiß;
auf diesem Hintergründe breiten sich die
Ranken- und Blumeinnnster ans, entweder
schwer und deckend in Kontnrmalerei auf-
getragen, oder ans gleichmäßigem, bald
mehr, bald weniger dicht gehaltenem Ueber-
zng fein und hell glänzend heransradiert.
Ausnahmsweise trifft man ausgeschliffene
Muster, bei welchen die Zeichnung ans
tieffarbigem Grunde, sei es in Heller Auf-
lichtung der nämlichen Farbe, sei es in
Weiß oder, infolge Verwendung von Sil-
bergelb, in leuchtendem Gold, hervortritt.
Anfangs in der Regel von einer dnrch-
gehends weißen oder doch Hellen Umrah-
mung eingeschlossen, heben sich die Wappen
oder Bilder umso wirkungsvoller von dem
reichen Damasthintergrnnd ab.

III.

Die dritte Gruppe der Schweizer-
Scheiben im Klosterkreuzgang zu Wet-
tingen umfaßt die Zeit von 1550 bis
1580. Es ist eine bunte Gesellschaft
nach Herkomnren, Komposition und Technik.
In letzterer Hinsicht kommt jetzt ein neues
Malmittel in Aufnahme, nämlich die
Schmelzfarben oder die aufgetragenen
Malfarben. Rach der Mitte des 16.
Jahrhunderts gelingt es nämlich, anßer
den bisherigen Malfarben, Schivarzlot
und Silbergelb, auch alle übrigen Farben:
Bla», Violett und Grün in den verschie-
densten Abstufen als Malfarben oder
Emails herzustellen. Vielerorts besteht
allerdings noch die Meinung, als sei be-
reits mit dem Beginn des 16. Jahr-
hunderts diese Kabinett- und Emailmalerei
in Aufnahme gekommen, um baldigst die
alte musivische Arbeitsweise und die
Leuchtkraft des Farbenglases zu ver-
drängen. Allein selbst in den Schweizer
Scheiben, bei welchen wahrscheinlich am
frühesten technische Fortschritte eingeführt
wurden, kam die Verwendung wirklich
farbiger Auftragfarben erst nach der Mitte
des 16. Jahrhunderts zum Durchbruch,
vorerst nur vereinzelt.und in beschränktem
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