Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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St. Mauritius. Oben eine eigentümliche
Darstellung, von der der „Führer" aiigibt:
„Maria als Erlöseriu der Zeeleu (kleines
nacktes Kind) aus der Hölle lDrache)."
Eine solch undogmntische Darstellung hätte»
die Appenzeller wohl nicht boin Kloster
geschickt! Wir sehen Maria in gelbem
Strahlenglanze mit gefalteten Händen und
die .«roue auf dein Haupte ans der Mond-
sichel stehen; ein blauer Drache unter
ihr speit Feuer, daS unter der Mond-
sichel hinströmt; oben sieht man den hei-
ligen Michael mit dein Schilde, der i>cii
Drachen ersticht, rechts von der Bladonna
schwebt ein kleines nacktes Kind (Seele)
in die Höhe. Es soll das wohl eine An-
deutung des jüngsten Gerichtes darstellen,
wo St. Michael als Befreier der Seele»
anstritt ans die Fürbitte der heiligen
Jungfrau; das anfschwebende Kind würde
die Seelen der Gerechten andeuten,

IV.

Wir konunen zur vierten Gruppe
der Schweizer Scheiben in Wettingen, die
den Jahren 1611)—1626 angehören Mit
dem Aufkommen der Schmelzsarben ist
gleichsam der Höhepunkt der Glasmalerei
erreicht, zugleich aber auch mit ihr der
Beginn des Verfalles dieser Kunst und
unsere vierte Gruppe von Scheiben in
Weltingen leitet schon den Untergang
dieses Knnstzweiges. auch an den Schwei-
zer Scheiben ein. Mögen auch einzelne
Meister des neuen Verfahrens noch her-
vorragende Werke geschaffen haben, so
wurde doch immerhin mit dein allmäh-
lichen Ueberhandnehnien der Schmelzfarben
die Zeit des langsamen Verfalles einge-
leitet. Blanche aufgetragenen Farben sind
zwar noch glasig und klar, z. B. ein hoch-
aufgeschmolzenes Grün und manche tüchtige
Künstler haben auch eine günstige Farben-
znsammenstellnng verstanden, aber dennoch
müssen eben doch int allgemeinen; die
Schmelzfarben, selbst bei künstlerischer
Handhabung, an Leuchtkraft hinter den
Farbengläsern znrückstehen. In der Regel
ist ihr Eindruck trüb und erdig, wolkig,
ohne Feuer und ohne Glanz, viele Arbeiten
sind auch bunt, ja manchmal schreiend
grell. Ein schmutziges Violett, ein erdiges,
fleckiges Kobaltblau, giftiges Hafen- oder
Ofengrün, kalter Purpur, plumpes Gelb,
das sind die Farben, welche neben einent l

bräunlichen, zur Färbung der nackten Teile
dienenden Rot jene mittelmäßigen Scheiben
der Spätzeit verunzieren. Buntscheckige
l Bilder bei farblosem Hintergrund, das ist
das Ende der einst so farbenprächtigen und
farbenfreudigen Schweizer Glasmalerei.

Unsere vierte Gruppe beginnt mit einer
Figurenscheibe der Aebtissin von Frauen-
thal, 1620 (N V 30); sie zeigt Mariä,,
das Christuskind anbetend; rechts Sankt
Margareta; int Giebel Mariä Verkündi-
gung. Matt sieht ans den ersten Blick,
das; die Scheibe gegenüber den früheren
nicht Saft und Kraft hat, die anfge-^
malten Bilder erschtziuen wie Lithophanien
ans mit Oel getränktem Papier. Hieran
reihen sich fünf Scheiben befreundeter
Franenklöster, näntlich die von Magdenau,
Dänikoii, Feldbach und Wellingen, von
1620—1621, laut Monogramm von Hans
Ulrich Fisch geliefert. Diese Fenster wirken
auch durch ihre vielen und kleinett Figuren
»»ruhig, wie auch durch ihr vieles Bei-'
tverk als Säulen, Pfeiler, Giebel, Engek-
köpfchen n. s. tv. Es folgen Figuren ttnd
Wappenscheiben befreundeter Geistlicher,
ivahrscheinlich von Aasmaler Paulus-
Müller voit Zttg. Auf einer Scheibe hat
sich der Glasmaler selbst verewigt. NX 78
,stellt nämlich St...Lukas, die Madonna
malend, dar mit der Inschrift: Geörgius
Rieder von Ulm der Zitt Maler des
lobwirdigen Gotzlniss Wettingen Vrul
Paulus Müller von Zug Glassmaler 1626.
Daran schließen sich vier Wappenscheiben
von Städten vom Jahre 1623, zwei von
Baden, je eine von Bremgarten und
Mellingen. Es sind dies größere Scheiben
im Ostarm, aber mit meist aufgetragenen
Farben, daher ohne Kraft ttnd Glut.

Den Schluß unserer Schweizer Scheiben
in Wettingen bildet ein Zyklus von
W a p p e n - und Fi g n r e n s ch eiben
b e f r e it übet e r Bl ä n n e r k l ö st e r, wel-
cher im Ostarm des KrenzgangeS ge-
ordnet. znsammengestellt ist, einen einheit-
lichen Charakter trägt und laut Inschrift
von Christoph Brandenburg von
Zug gemalt ist. Die Schenkgeber sind
die Klöster St. Gallen, Einsiedeln, St.
Blasien, Wettingen, Lützel, Rheinau,
Biitri, St. Urban, Krenzlingen, Salmans-
i weiler. Engelberg, Eschenbach, Jttingen
und Znrzach; alle tragen die Jahreszahl
1623, nur das vom ,.Probst vnd gemein
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