Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

Seite: 85
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kjeransgegebcn und redigiert von Pfarrer vehcl in St. LInistina-Ravcnsbnrg.

Verlag des Rottenburger Diözefan-Annstvercins;
Koniinifsionsverlaa von Friedrich Alber in Ravensburg.

Jährlich 12 Nummer». Preis durch die Post halbjährlich M. 2.oö ohne

9 Bestellgeld. Durch den Buchhandel sowie direkt von der Berlagshandlung

Friedrich Alber in Ravensburg pro Jahr M. 4.10. ^

Kirchlich oder modern?

Von E. D.

Dieses ist die Losung, die jedem Kunst-
junger zugerufen wird, der, die Akademie
verlassend, sich nach Aufträgen auf reli-
giösem Gebiete umsehen will. Was soll
der Gefragte darauf antworten, solange
ein jeder unter „kirchlich" uitb „modern"
etwas anderes versteht? Es liegt eine
sonderbare Logik in diesem Entweder-oder.
Ist denn kirchlich ohne weiteres identisch
mit archaisierend, und ist modern in jeder
Hinsicht gleichbedeutend mit — sagen wir:
emanzipiert? Die allzil ausschließliche
Retrospektive der religiösen Kunstentwick-
lung in der Zeit, in der wir ausgewachsen
sind, hat unser Urteil gegen alles Unge-
wohnte hart und einseitig gemacht. Der
frische Zug, der seit einem Jahrzehnt
durch die Reihen auch der katholischen
Künstler geht, wird in vielen Kreisen mit
Mißtraue» ausgenommen. Roch nie, seit-
dem Kunstästhetik getrieben wird, sind von
berufenen und unberufenen Kritikern mit
solcher Freigebigkeit die Prädikate „nu-
kirchlich", „anstößig", „der Tradition
widersprechend" ansgeteilt worden, wie
heutzutage, ohne daß man bedenkt, wie
weh man dadurch dem Künstler tut, der
sein bestes Können ilnd seine wärmste
Liebe in seine Schöpfung hineingelegt hat.
Waren nicht ein Giotto, ein Dürer und
gar ein Michel Angelo für ihre Zeit
„moderner", d. h. souveräner gegenüber
der hergebrachten Geschmacksrichtung und
Formensprache, als unsere modernsten
religiösen Maler? Ich möchte das Ge-
schrei vieler hören (von der Approbations-

gewalt des berufenen kirchlichen Lehramts
gegenüber religiösen Darstellungen soll hier
natürlich nicht die Rede sein), wenn uns
heute wieder ein Dürer oder Michel
Angelo an Genie und Eigenart erstünde;
ich fürchte, er würde beim ersten Schritt
über die Schranken des Althergebrachten
hinaus totgeschlagen werden. Wie die
Zeiten und Völker nicht nur in der Sprache,
sondern auch in der Kunst ihre besondere
Ausdrncksweise haben, so auch der ein-
zelne Mensch, und je lebendiger und selb-
ständiger der Geist ist, desto ausgeprägter
und ungewohnter wird in der Regel auch
der persönliche Stil sein. Mögen noch
so viele dieselbe Idee darstellen wollen,
so wird doch ihre Wiedergabe verschieden
sein; der eine wird auf diese, der andere
auf jene Seite mehr Nachdruck lege», der
eine, je nach seiner Individualität, eine
vornehm-gewählte, der andere eine nüch-
terne Form wählen. Wenn dann mit-
unter etwas Seltsames zu Tage tritt oder
wenn objektiv die Darstellung als un-
passend oder verfehlt bezeichnet werden
muß, so ist diese doch nicht ohne weiteres
ein Verbrechen der Ketzerei, sondern
höchstens ein Taktfehler, der sich verzeihen
und verbessern läßt. Läßt sich nicht auch
mancher Prediger oder Literat eben durch
das Feuer, das in ihm brennt, und durch
das Bestreben, sich deutlich auszudrücken,
im einen oder anderen Falle zu Aus-
drücken Hinreißen, die nicht nachahmens-
wert sind? Würde er es sich gefallen
lassen, deswegen in Bausch und Bogen
als „unkorrekt", „roh" oder „anstößig"
abgetan zu werden? Was du nicht willst,
daß man dir in', das füg' auch keinem
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