Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

Seite: 86
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— Künstler zu! Daß Maler und Bild-
hauer, die jeden religiösen Glauben über
Bord geworfen haben, selten etwas anderes
als religiöse Zerrbilder fertig bringen, und
daß Protestanten, seien sie nun orthodox
oder liberal, in ihren Schöpfungen ihre
besondere Anschauungsweise wiederspiegcln
lassen, ist verständlich; aber ebenso nahe-
liegend sollte der andere Schluß sein, daß
Künstler, die nicht nur denl Taufscheine
nach katholisch sind, sondern auch in ihrer
Religion leben und sie lieben, Männer,
denen die heiligen Gestalten auch persön-
lich heilig sind, und die hinreichend unter-
richtet sind in den einschlägigen dogma-
tischen, exegetischen und hagiologischen
Fragen, nicht leicht das Prädikat „un-
kirchlich" verdienen, selbst wenn ihre Darstel-
lnngsweise im einzelnen nicht gerade mnster-
gültig ist. Es liegt in einer solchen Prä-
diziernng mehr Subjektivität und — sagen
wir es offen — mehr Lieblosigkeit, als
der Kritiker sich bewußt wird. Es ist
doch seltsam, daß meist diejenigen, die
a»l engherzigsten sind in der Beurteilung
der zeitgenössischen kirchlichen Kunst, einen
himmelhohen Enthusiasmus für die eckigsten
Formen der Gotik oder die freiesten Kunst-
richtungen der Renaissancezeit entwickeln!
Die Kunst muß Leben haben, dieses
fehlt aber in der nnempfnndenen Nach-
ahmnng des Alten. Darum soll man
auch nicht gleich jeden Tritt neben die
Landstraße als Emanzipations- und Se-
zessionsgelüste beargwöhnen.

Wer sich dazu entschließen will, sich der
ausübenden Kunst zu widmen, hat wahr-
lich, bis er auch nur eine sichere Existenz
gegründet hat, einen dornenreichen und
gefahrvollen Weg zu gehen, und viele sind
es, die Schiffbruch leiden. Muß man
gerade denjenigen, welche den edelsten
Kunstzweig, die ars sacra, ergreifen wollen,
noch besondere Fußangeln legen, und ist
es Aufgabe derer, welche Mäcene sein
könnten und sollten, durch eine bitter-
scharfe Kritik oder durch Forderungen, die
ein Künstlergewissen (denn auch der Künstler
hat sein ästhetisches Gewissen, so gut wie
der Historiker und Theologe) einfach nicht
erfüllen kann, ohne sich wegzuwerfen, jedes
selbständige Leben und frohe Vorwärtsstreben
zu unterbinden? Was für eine Wirkung
muß es auf das Gemüt eines jungen

Künstlers machen, der mit den besten
Zeugnissen seiner Lehrer in der Tasche
und das Herz mit frohen Hoffnnngen ge-
schwellt, den ersten zaghaften Schritt in
das gelobte Land seiner Träunle macht,
wenn ihm gleich bei der ersten Leistung,
mit der er in die Oesfentlichkeit tritt, wie
ein Hornissenschwarm von allen Seiten
die Zurufe: „unkirchlich — abstoßend —
Uhdeseher Realismus — Karikaturen"
ii. s. w. an den Kopf fliegen?

Nomina sunt odiosa — ich weiß mehr
als eine Persönlichkeit, welche eine Zierde
unserer christlichen Künstlerkreise hätte
werden können, aber durch eine derartige
Behandlung verekelt, sich dem Porträt- oder
Genrefach zugewendet hat. Wenn so ein an
jungen Kunsteleven auch noch ein wenig Die
Eierschalen der Akademie anhangen, wenn
seine Heiligengestalten noch sehr dem Mo-
dell ähneln oder noch zuviel „Akt" ver-
wendet ist — was verschlägt's? Ein
Raffael hat auch nicht an Einem Tag
seinen Höhepunkt erklommen. Es müßte
ein eingebildeter Fant sein, der sich die
Folgen selbst znznschreibeu hätte, wer sich
nicht durch eine wohlwollende Kritik
von berufener Seite bestimmen ließe, an-
stößige Ecken abzuschleifen oder irrige Anf-
fassungen zu korrigieren; aber lieblose Ver-
ketzerung und eigensinnige Vergewaltigung
des Künstlergewissens von seiten solcher,
die in Kunstfragen ein maßgebendes Urteil
gar nicht haben können, aber den Künstler
sein Abhängigkeitsverhältnis fühlen lassen,
erbittern nur, fördern niemals. Man ist
doch auch im gesellschaftlichen Verkehr mit
manchem eckigen Charakter tolerant und
anerkennt hinter abstoßenden Schönheits-
fehlern das goldene Herz. IVIutatis mu-
tandis gelte dies auch für die Beurteilung
der modernen christlichen Kunstentwicklung.
Mag dem einzelnen subjektiv die eine oder
andere Richtung nicht gerade sympathisch
sein, mag er die eine zu weichlich, die
andere zu knorrig, die eine zu pompös,
die andere hieratisch steif finven, so ur-
teile er darüber, soweit er dazu berufen
ist, aber v e r urteile nicht und strebe nicht
danach, päpstlicher zu sein als der Papst,
der heute noch einen Michel Angelo an
heiligster Stätte des Vatikans duldet. Die
katholische Kirche hat noch jederzeit ihrem
Namen Ehre gemacht und war überaus
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