Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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Weitherzig nicht nur in den Lehrmeinungen,
sondern auch in der Kunstkritik. Die
Kirchen- und Kunstgeschichte lehrt es.
Warum soll es heutzutage anders werden
und nicht auch für die heutige kirchliche;
Kunst der Wahlspruch Geltung haben:

In necessariis unitas, in dubiis li-
berlas, in Omnibus charitas ?

Beck, lieber die sogenannten
»Livres d heu res«.

(Schluß.)

Diese Monatsregelu gingen dann in
die gegen Ende deS 10. Jahrhunderts anf-
gekominenen deutschen Kalender (Schreib-
kalender) in deutscher Sprache, so z. B.
in einen von rned. Dr. Joh. Gg. Kern
verfaßten, dein Abte desKl.St. Georgen im
Schwarzwald gewidmeten, durch Sebald ]
Mayer zu Dillingen a. D. i. I. 1573
gedruckten, Ephemeriden, über, dessen nach-
folgende köstlichen Verse mit den vorstehen-
den lateinischen verglichen werden mögen:

Jeu »er.

Iß in dem Jeuner olle Jur
Wurme Spritz, die sey rein und Nur,

Kein Bluet sott du auch von dir lou.

Es ist nit guet in diesem Mo».

Hornu ng.

Der Hornung gepuert krunkheit bnld.

Vermeid meth, bier und was sey kalt,

Auch fleuch die kette, dns ist gut,

Auff dem Daumen magst lntzeu Blue.

M e r tz.

Mertz bringt des leides feuchtigkeit,

Er gebirt schmertzen, wee und Layd,

In diesem Monat laß kuin bluet,
Schwuitzbaden über ist dir guet.

A p r i l.

Der April bringt Glantz daher,

Die Erd thuet sich auff wunderbar,

Er hitzigt den Leib und mehrts Bluet.

Zur Aderläße!, ist vast (— sehr) guet.

M a y.

Lätzen im Mayen ist nit schad,

Purgir dich und such Wasserbad,

Iß Speitz bereit mit speccrey.

Ab Benedikt trink und Salvey?)

>) Salbei war nach der damaligen Medizin
gut gegen Schwindelund ivirkt erwärmend, stärkend,
zerstört böse Feuchtigkeit (Flusse). Benedikteu-
kraut zerteilt die Feuchtigkeit und äußert sich
blutreinigend.

B r a ch in o n.

Vorm Meth im Brnchiuvn hüte dich.

Und vor dein newen Bier rath ich,

Mit öl viind cssich iß Salat'),

Schlaff uii zuviel, das ist mein rath.

Hey in o n.

Wer im Hewmon sich will bewaren,
Derselbe soll zuviel trinkens sparen.

Ihm auch kein Ader laßen schlaheu
Bund darzu kein Bad nnfnhen.

A « g st m o n.

Im Augstuwn metziglich dich zeuch,

Schluss wenig und Ünkeuschheit fleuch,

Nit laß, maß dich hitziger speitz,

Bad und Arznei fleuch, bist du weiß.

Herb st mon.

Zeitig Frücht tut Herbst feind guet,

Sez, pflanz und laß das Bluet,

Gaißmilch, Kätz und Pyren iß,

Der frischen träubliu nit vergiß.

Wein mon.

Weininon gibt wein und wiltpret her,
Gänse, Enten und Vögel mehr,

Dise Ding alle seind gsund zwar.

Doch Überitz dich nit gar.

Wintcrmon.

Meth trinken magst in diesem Mon
Honig, Ingwer brauchen schon,

Bad und Ünkeuschheit meyd
Du wirst sonst kam vor der zeyt.

C h r i st m o n.

Christmon will warme speitz Han.

Zuin Haupt magstt du dir wol lau,

Vor kelt und frost dich wol bewar,

Älb Ziinint') magst du trinken zwar.

Das Kerversche Unternehmeil scheint
rentabel gewesen zil sein, denn, nach dem
Tode ihres Galten, welcher, wie in der
Drilckunterschrift des Buches steht, eigent-
lich Jolande de Bonhomme hieß, setzte
die Witwe Kerver diesen kourantcn Artikel
fort und ließ erscheinen: „llorae B.

Virginis Mariae secundum usum
Romanuni; C. Calendario Parisiis; Vi-
dua Thilemanni Kerver 1531".

Diese wie die vorige von Panzer nicht
gekannte Ausgabe ist durchgängig mit sehr
guten Holzschnitten geziert, von welchen
einige allegorische Vorstellungen sehr an-
sprechen. Alls dem Titelbl. ist ein Mensch
abgebildet, dessen Leib offen ist, so daß

') Salat soll beruhigend wirken von wegen
des in ihm enthaltenen Alkaloides Lactucin.

") Ztminet, wie auch Ingwer, Salbei rc.
wurden damals im Weine sehr häufig genosscu.
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