Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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die Intestina desselben gut zu sehen sind.
Diesen sind die sieben Planeten entgcgen-
gestellt, welche mit bezeichueten Strichen
auf dieselben zugeheu: die Sonne auf den
Magen (als Hauptsitz der Gesundheit),
der Mond aufs Gehirn, Jupiter auf die
Leber, Venus auf die Nieren n. s. w.
Von den ältesten Zeiten her setzte man
ja den Mond mit dem Gehirn in Ver-
bindung und stützte sich dabei auf die
Wahrnehlnungen an sogenannten Mond-
süchtigen, deren Anfälle am heftigsten bei
vollem Mondenlicht sind. Darauf deutete
schon Plutarch hin. Ariost sagt in
seinem „Orlando furioso" (C. 38. St. 24;
39. St. 57): Was vom menschlichen Ver-
stände davon kommt, sei's wenig oder
viel, fliegt dem Monde zu, dort ivird's
gesammelt und in Fläschen anfbewahrt,
auf denen des Verstands-Eigentümers Name
steht. Ein solches Fläschchen mit dem ver-
lorenen Verstände des Paladin Orlando
erhielt der Ritter Astolso von dem Evange-
listen Johannes, dasselbe jenem wieder
zu bringen. Das Fläschchen wurde dem
Rasenden an die Nase gehalten:

Che nel tirar che fece il fiato in suso,
Tuttoil v . . . .: maraviglioso esso,

Che ritromo la mente al primier uso,
Ene’ suoi bei discorsi l’intelletto
Rivenne piu che mai, lucido, e netto.

Zwischen den Beinen dieser Menschen-
gestalt sitzt ein Narr, der mit seiner Narren-
kolbe spielt; ans den vier Ecken findet
sich eine Abbildung der vier Tempera-
mente (zu vgl. auch „Traite d’icono-
graphie chretienne par X. Barbier de
Montault I, „Paris, Louis Vives, lib.
editeur, 1890“, wo es (S. 157) heißt:
„Les 4 temperaments sont personifies
par un homme, accompagne d’un at-
tribut. On les trouve frcquemment
representes dans les 1 i vres d' lieures
gothiques des 15° et i6c siecles, entr’au-
tres les Heures d'Angers de
Simon Vostre (1502), ou deux vers
frangais les expliquent“. Auf dein zum
Januar gehörigen Holzschnitte spielen Rin-
der mit wohl vom Christkind bescherten
Spielzeugen; auf dein Februarblatt sieht
man sie in der Schule lernen, wo sie
auch gezüchtigt werden. Bogenschützen und
Wild erscheinen im März, und im April
wandelt das Liebchen mit dem Geliebten

Im

Juni

in der neubegrünten Natur,
werden sie getraut, da int Mai nicht gut
freien ist. Im Mai Hochzeit zu machen,
war nämlich, im Gegensatz zur heutigen
Anschauung, ehedem kein gutes Omen.
Bei den Römern wurden in diesem Monat
die Tempel geschlossen und keine Heirat
in denselben gefeiert, denn es hieß: Iviaio
nubunt mulae, aber es wurde geopfert,
um die nntherschwebenden Nachtgeister zu
besänftigen (Ovid Fasti V. 457, Macrob.
Saturnal. lib. I c. 12). Unsere alten
Vorfahren, die Alles so gern in Reime
brachten, sagten:

Es ist noch Wittwen, noch Jungfern gut

freien

Int Maien, denn es pflegt sie bald zu gereuen.
Sie leben nicht lang, und das Sprüchwort ist

wahr:

Was im Maien freit ist nicht der besten Haar.

(Mussard über Kirchengebräuche und
Zeremonien, S. 116: Bachot, erreurs
populairs p. 301; Demster, Antiq. Rom,

1 IV c. 9.) In einem wohl aus Frank-
reich oder Flandern stammenden, in der
Kgl. Privatbibliothek zu Turin befind-
lichen handschriftlichen Breviariunt mit
lateinischen und französischen Gebeten find
ähnliche, die Monate des Kalenders charak-
terisierende Bilder ausgeführt und voll
feiner poetischer Gedanken: sie bestehen
stets aus zivei zusammengehörigen Bildern
und geben beabsichtigte Gegensätze. So
der April und Mai zwei Liebesgeschichten;
int April, die eines feinen, wohlerzogenen
Paares, das ans dent ersten Bilde sich
sittig und zurückhaltend grüßt, auf dent
zweiten aber mit verschlungenen Händen
dasitzt; int Mai ist der Hergang anderer
Art; die Liebenden, bäuerisch gekleidet,
küssen sich auf dent ersten und streiten auf
dem zweiten Bilde. (Schnaase, Gesch.
der bild. Künste, herausgegeben von Lübke 2c.
VIII, S. 288, Düsseldorf, Verlagshand-
lnng von Jul. Buddens, 1876 ) — Doch
zurück zu dent Kerverschen „Horae B.
Mariae Virginis!" Int Juli sitzen Vater
und Mutter unter ihren Kindern. Im
August erfreut man sich der Erntesrüchte
und zieht im September aus, die Freunde
und Verwandten zu besuchen, mit denen
man int Oktober an der Tafel sich ver-
gnügt. Der November zeigt uns den
Kranken und den Arzt mit der
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