Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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flasche, die indes nicht »lehr helfen kann,
da im Dezember der Sterbende daliegt,
die Kerze in der Hand, beichtend. Die
Klagenden sind um das Sterbebett ver-
sammelt, aber ihr Bitten und Flehen um
Erhaltung des teuren Lebens ist vergebens:

L’heure est venue, que pour partir
Se liouze.

Die 12 Monate sollen nach diesen Dar-
stellungen einen Lebenszyklus bilden, vom
6., l2., 18., 24., 30., 36., 42., 48., 54.,
CO., 66. bis zum 72. Jahre des Lebens-
alters. — Nebst den hauptsächlichsten Be-
gebenheiten ans der Lebens- und Leidens-
geschichte Christi sind auch die Verstorbenen,
die Qualen des Fegfeuers u. a. durch
Holzschnitte versinnlicht. — Von den in
Versen gebrachten Anratungen und Vor-
schriften sagen die für den Monat Feb-
r n a r gegebenen:

Piscis Habens lunam, noli curare poda-

gram

Aurum debet emi, sponse sponsus

sociari.

Für den August aber:

Lunam virgo tenens, uxorem ducere noli.

Alle diese Ratschläge hängen von den
sogenannten Himinelszeichen der Monate
sowie von den waltenden Gestirnen ab,
und so geht alles gut, wenn inan ihnen
folgt, ivie versichert wird.

Fast gleichzeitig erschien 511 Paris, wo,
bezw. in Frankreich, die Heimat dieser in
Deutschland weniger vorkommenden livres
d’heures war, eilt solches, bei Panzer nicht
angeführtes Horenbnch: More divine
virginis Mariae, secundum »sum
Romanum, cum aliis multis; una cum
figuris Apocalipsis et destructio Hieru-
salem, et multis figuris Biblie insertis.
Parisiis impressis opera Germani Har-
douyn. 1513. 8°. Vor der Juhaltsan-
zeige und dem Kalender dieses auf Perga-
ment gedruckten, mit sauber illuminierten
Holzschnitten und vergoldeten Initialen rc.
ansgestatteten, kostbaren und ungemein
seltenen Buches ist ein Skelett abgebildet,
unter welchein ein Narr kniet; um das-
selbe herum sind die darauf bezüglichen
Planeten, wie in der vorangeführten Aus-
gabe, angebracht; in den Ecken finden
sich die Temperamente, und zwar das chole-
rische durch einen Löwen, das sanguinische
durch einen Affen, das phlegmatische durch

I ein Lamm und das melancholische durch
ein — Schwein (!) repräsentiert. Der
Kalender hat weder Bilder noch Verse.
Außer den gewöhnlichen Darstellnngen aus
der Passion, den Psalmen n. dgl. kommen
in dem Werke auch versinnlichte Auffor-
derungen znm Spenden von Seelenmesseu-
geldern, der Gaben von Geldern zu einem
„Seelgeräte" an die Geistlichkeit und die
Meßpriester, womit man seiner Seele
rate n (consulere), das ist helfen will sowie
Abbildungen des hl. Michael, Johannes,
Petrus, des hl. Sebastian, Claudius, Anto-
nius, der hl. Anna, Katharina, Barbara
und Apollonia.

Nächst Frankreich, von welchem Lande
entschieden die mächtige Anregung in Be-
zug auf die Gestaltung der Andachtsbücher
ansgegangen, weshalb auch denselben der
Name „livres d’heures" xai it°Vlv ge-
blieben, ist Deutschland dasjenige Land,
wo die illustrierten gedrucktenAndachtsbücher
frühe in Aufnahme, übrigens in selbstän-
diger Weise und Verarbeitung, kamen.
Das älteste dieser Art ist das in zahl-
reichen Ausgaben erschienene „Horologium“
des Fr. Bertoldus (das andächtig Zeit-
glöcklein des Lebens und Leidens Christi,
von welchen wir nur eine zu Nürnberg
— welche Stadt bald zur Hauptdruckstätte
für solche Andachtsbücher wurde — von
Fried. Creußner i. I. 1489, eine weitere
im selben Jahr von Ant. Sorg in Augs-
bnrg und eine im Jahre 1493 von Konrad
Dinkmuth in Ulm gedruckte (letztere
in Oktav; der Text mit Zieraten in
Holz eingefaßt; Holzschnitte von verschie-
dener Größe; Signaturen, aber keine Knsto-
den und Blattzahlen) erwähnen wollen.
Vom selben Dinkmuth sind noch zu nennen:
„Dye siben Curss anff ainen / yeg-
lichen tag der wachen ain /. Gedruckt
zu Ulm von Cunrad Dinckmitt An/ no
MCCCCXCI (1491), 210 Bll. kl. 8° mit
7 Holzschnitten" (in Häßlers Buchdrucker-
Geschichte Ulms, 1840 bei Stettin, S. 120 ff.
nicht anfgeführt). Den hauptsächlichen Typ
für die Andachtsbücher bildet in Deutsch-
land seit 1498 der zuerst in Straßburg i. E.
entstandene n. A. auch daselbst von Joh.
Grüninger in 16° mit Abbildungen
gedruckte Hortulus animae („Wurzgart
der Seele"), wovon (nach Häßler a. a. O.
S. 122) schon aus dem Jahre 1483
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