Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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gebaut wurde, und daß in der jetzigen
Sakristei der Stadtpfarrkirche ein Teil
der ursprünglichen Kapelle erhalten ist.
Die jetzige Kapelle wurde iw Jahre I <i06
von dew Freiherrn von Eck für den Hoch-
meister Erzherzog Maximilian als Ora-
torium an der Stadlpfarrkirche erbaut
und enthält, wie gesagt, im unteren Teile
die Sakristei der Pfarrkirche, nud zwar
in der Art, daß man von der Türe am
Hochaltar über eine Stiege in dieselbe
kommen und ron dem großen Teile der
Kirche in dieselbe hineinsehen konnte. Die
obere Abteilung oder die eigentliche Kapelle
wird daher die Hochmeisterkapelle, vom Volke
das „Hochmeisterstüble" genannt; sie hat
im Chörlein ein massives Stern-, im Schiff
ein solches Netzgewölbe, dessen Kämpfer-
gesimse n»d Qnergnrt Nenaissanceprofile
zeigt, und an welchem die Jahreszahl 1607
angebracht ist. Die vier Fenster in der
Außenwand haben Fischblasen-Mäßwerke,
die noch gut erhalten sind. Die Kapelle
bildet so schon einen architektonisch inter-
essanten Raum. Das Erbannngsjahr
dieser Kapelle, das Jahr 1606, war über-
hanpt für den deutschen Ritterorden hoch-
bedeutsam. In demselben wurde unter
dem Hochmeister Erzherzog Maximilian
ans dem Generalkapitel zn Mergentheim
die Ausfertigung des reformierten Ordens-
bnches beschlossen, die Annahme deS zu
Innsbruck neu entworfenen Breviers nach
Römischem Ritus genehmigt und ein
Bildnngsinstitut für Ordenspriester, das
Seminarinm zu Mergentheim, mit den
nötigen Ilnterhaltnngsmitteln in die Wege
geleitet. Boigt (Geschichte des deutschen
Ritterordens ll, 303) schreibt vom Hoch-
meister Maximilian: „Kanin je war ein
Ordensmann mit schöneren Tugenden
durchs Leben gegangen, und wer ihn
kannte, erkannte in ihm das wahre Mnster-
bild eines tngendrcichen, hochbegabten
Fürsten. Ein Feind alles dessen, was
das Leben befleckt, leuchtete sein Beispiel
deS sittenstrengsten, reinsten Wandels allen
Ordensbrüdern voran." Unter solchem
Eindruck erbaute ihm daher auch Freiherr
von Eck ein so würdiges, schönes Ora-
torium in der Stadtpfarrkirche.

Dieses Oratorium war aber nicht bloß
würdig in der Architektur, sondern es
wurde im folgenden Jahre l 607 auch

mit herrlichen Malereien vollständig ans-
gemalt. Bei Veranlassung der Restauration
der Stadtpfarrkirche im vorigen Jahre
wurden nämlich in dieser Kapelle Male-
reien entdeckt, welche sich durch das ganze
Kirchlein, die Wände sowohl als die ge-
wölbte Decke hinziehen. Ein großer Teil
derselben zeigte sich leider fast vollständig
zerstört, ein anderer aber noch so erhalten,
daß sich die Darstellungen wenigstens er-
kennen lassen und nur der größte Teil
der Engelsgestalten und drei Kompositionen
sind so erhalten, daß sie nicht übermalt
zu werden brauchen, sondern daß sie durch
sorgfältige Restauration ohne Uebermalnng
i» ihrem ursprünglichen Zustande und zwar
sowohl in Komposition als Farbengebung
erhalten werden können. Wir wollen die
einzelnen Darstellungen, die bisher nicht,
oder nicht richtig erkannt wurden, nach
ihrem Inhalte so anfführen, wie sie zn-
sammengehöre».

!. An den Wandflächen über den vier
Fenstern der Südseite sind je zwei Engel
dargestellt, welche gemeinsam eine Kar-
tusche mit gemaltem Edelsteine tragen
und von denen jeder ein Attribut in der
Rechten hält. Wir finden hier nämlich
die Attribute der sieben Haupt -
tn gen den. Im Abendlande und zwar
zuerst in den Miniature», finden wir die
Tugenden in Profauifikationen dargestellt
und zwar immer in Gestalt von Frauen
oder Mädchen; seit dem 13. Jahrhundert
kommen sie auch häufig auf Grabdenk-
mälern vor, um die guten Eigenschaften
des Toten zu veranschaulichen. Den er-
sten Rang unter ihnen nehmen dierheo-
logischen Tugenden ein: Glaube,
Hoffnung und Liebe. Und diese haben wir
auch hier in Symbolen: Der erste Engel
trägt ein Kreuz, der zweite einen Anker, die
dritte Tugend ist dadurch angegeben, daß
sich zwei Engel umarmen. Als weitere
Attribute, welche von Engeln getragen
werden, sind zu erkennen: die Schlange
(Klugheit), die Wage (Gerechtigkeit), ein
Gefäß (Mäßigkeit); Köcher (?), Blumen-
strauß (?).

II. Tie Zwickel der Gewölbe, sowohl
diejenigen, welche sich an die Wände des
Schiffes anschließen als die im Chörlein,
haben ebenfalls Engelgestalten und zwar
14 oder 1ö Engel im ganzen, welche die
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