Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

Seite: 98
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der Prinz von Wales der Galerie für
moderne Kunst in Dublin geschenkt hatte,
als unecht erkannt wurde. Mau stellte
fest, daß das fragliche Gemälde die Kopie
eines im ungarischen Natioualniuseniu in
Budapest befindlichen, zwei Jahre nach
Corots Tod gemalten Bildes aus der
modernen französischen Schule war. Wie
gut das Bild nachgemacht war, beweist
der Umstand, das; einige der besten Lon-
doner Kenner getäuscht worden waren und
es für eine» echten Corot erklärt hatten.
Nun wird ja gerade mit gefälschten Bil-
dern dieses großen Malers ein schwung-
hafter Handel getrieben und Eingeweihte
wissen seit langer Zeit, daß von den tau-
senden unter Corots Namen gehenden Ge-
mälden weit über die Hälfte moderne Fäl-
schungen sind.

Bei dem Tode des Malers Henner kam
ebenfalls die Tatsache zur Sprache, daß
der größte Teil der unter seinem Rainen
im Handel befindlichen Bilder nicht ans
dem Atelier des Meisters hervorgegangen
ist. Der Künstler selbst schwieg zu den;
eifrigen Verkauf der unechten Werke, um
nicht auch seine echten Bilder in Miß-
kredit zu bringen, wenn es bekannt würde,
daß überhaupt gefälschte Henners exi-
stierten.

Ans solchen Beispielen, die noch außer-
ordentlich vermehrt werden könnten, er-
hält man eine Ahnung davon, wie ver-
breitet Fälschungen in allen Gebieten des
ausgedehnten Kunsthandels heute sind.
Kürzlich wurden eilt Künstler und seine
Tochter zu Hnddersfield in England vor
Gericht gestellt, weil sie gefälschte Aqua-
relle mit der Signatur des Malers Da-
vid Cox vertrieben hatten. Die Werkchen
waren äußerst geschickt ans altes, gelbliches
Papier aufgemalt und wurden von der
Tochter bei Kunsthändlern und privaten
Sammlern hernmgetrnge», die für 80 bis
tOO Mark das Stück erstanden. Die Ge-
schicklichkeit und Kunstfertigkeit der Fälscher
nsacht vor nichts Halt.

Selbst die eigentlich nnuachahmlicheu
Fayencearbeiten von Palissy und die
Werke von Hirschvogel sind nachgemacht
worden, obwohl diese Künstler niemals
die Töpferscheibe anwandten, sondern mit
freier Hand inovellierten, de». Ton häufig

schon vor dem Firnissen kolorierten und
nie ergründete Geheimnisse der Herstellung
besaßen. Solche falsche Fayencen und Ma-
joliken sind freilich für den genauen Ken-
ner erkennbar durch die schreienden und
grellen Farbe», durch die inkorrekte Zeich-
nung, durch einen eigentümlichen Geruch,
den die echten Fayencen nie haben, und
durch einen dumpfen und schwachen Klang,
wenn man sie anschlägt. Aber wer nicht
so feine Angen, Rasen und Ohren hat,
um solch geringe Nuancen herausznfühlen,
der wird zwischen echter und gefälschter
Ware keinen Unterschied bemerken.

Für „alte" Steinkrüge aus Stafford-
shire, die sehr gesucht sind, existiert eine
Fabrik, wie es auch in Turin eine große
Werkstatt gibt, aus der die „echten" Botti-
cellis hervorgehen. Für die Krüge gibt
es merkwürdige Manipulationen, die den
ehrwürdigen Eindruck des Alters Vortäu-
schen sollen. Man legt sie zunächst ein-
mal, wie eine englische Zeitschrift mitteilt,
auf sechs bis acht Stunden in starkes Bier
oder in einen kräftigen Aufguß von Tee
und Kaffee, bis sie den lichten braunen
Ton bekommen, der so schön wirkt, dann
luerben sie sorgfältig getrocknet und an
den Spalten und Ecken, rvo Stairb wäh-
rend der langen Zeit sich angesammelt
haben müßte, mit einem feinen Pulver
eingestrent, dann mit einem alten Lappen
tüchtig gerieben, und dann werden sie ver-
kauft. Gewöhnlich geht ein ärmlich nus-
sehendes, altes Weiblein mit ihnen hau-
sieren und erzählt eine rührende Geschichte
von dem uralten Erbstücke der Vorfahren,
das schon seit Generationen in ihrer
Familie ist, und von beiit sie so schweren
Herzens sich losreißt.

Da Porzellan jetzt so außerordentlich
hoch bezahlt wird, so verlegen sich beson-
ders die Fälscher darauf, dieses zierliche
und kostbare Gebilde anmutigster Kunst
nachzuahme». Dazu gehören allerdings
große Kenntnisse der Marken und Geheim-
zeichen, welche die wertvollen Stücke an
sich tragen. Besonders Sevresporzellan
wird mit höchstem Raffinement nachgemacht,
denn es steht außerordentlich hoch im
Preise und es ist ein gutes Geschäft,
wenn für dreißig Teller 50 000 Franken
bezahlt werden und die Teller — unecht
sind.
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