Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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sollten kraft ihres Amtes als Wächter des
heiligen Sakramentes. Dasselbe prophe-
tische Vorbild der Anbetung des heiligen
Sakraments ist gewissermaßen sichtbar in
den Handlungen und Gebärden des
Joseph und Nikodemus, des Johannes
und der Magdalena." Diese Anffassnng
des berühmten Oratorianers mag teilweise
auch von unserem Bilde gelten, wenn-
gleich dasselbe mehr den natürlichen Schmerz
zum Ausdruck bringen soll. Von der
ganzen heiligen Gruppe mögen Priester
und Laien lernen, mit welchen Gesinnungen
sie den heiligen Fronleichnam im heiligen
Sakrament behandeln sollen.

Den llebergang vom Schrein zum Auf-
bau vermitteln zwei Strebepfeiler — ans der
rechten und linken Seite je einer —, welche
mit Rosenornamenten durchzogen sind, in
deren Gezweige Vöglein nisten (Der Sper-
ling hat sich ein Haus gefunden und die
Turteltaube ein Nest für sich, wohin sie
ihre Jungen birgt — Deine Altäre,
Herr der Heerscharen, mein König und
mein Gott! Ps. 83, V. 4). Alles ist
aufgelöst und fein und duftig, nirgends
eine Spur von Massigem.

Die Abschlnßgrnppe bilden drei Engel
mit den Leidensmerkzeugen: die zwei

kleineren stehen je unter einem leichten
Bogen, der dritte unter einem größeren,
aus ineinander geschobenen Wimbergen
gebauten Baldachin, dessen Kreuzblume nm-
gebogen ist. Nach unserem Dafürhalte»
dürfte das Gewand dieses Engels etwas
ruhiger sein; auch will uns das Kreuz,
daS er trägt, etwas groß Vorkommen, wo-
bei wir freilich nicht verkennen, daß das
Kreuz nach der Idee des Künstlers wohl
deswegen besonders hervorragen soll, weil
in ihm die hauptsächlichsten Gedanken,
welche das Altarwerk umschlingen, ihren
Gipfelpunkt erreichen.

Der ganze Altar ist im Geiste der Alten
polychrom gefaßt, zeigt überaus reiche
Glanz- und Maltvergoldnng und besondere
Verwendung der heraldischen Farben: Not,
Grün, Blau und Weiß.

Gerne fügen wir noch an, daß ans der
rechten Seite des Altars auch das Wappen
des Meisters angebracht ist: eine heral-
dische blaue Lilie ans einer silbernen
Raute, welche selbst wieder in einem
roten Felde ruht; als Helmzier dienen

zwei Büffelhörner uitb ein Ritterarm mit
einem Schwert. Daß die ganze Aus-
stattung des Altars (Kreuz, Leuchter,
Kanontafeln, Meßpult) ebenfalls in mittel-
alterlichem Stil gehalten ist, versteht sich
nach dem Gesagten von selbst.

Der spätgotische Flügelaltar in der
Heiliggrabkapelle der Stadtpfarrkirche zu
Horb ist ein Werk voll Adel und Schön-
heit ! Wir beglückwünschen zu demselben
sowohl die katholische Stadtpfarrgemeinde,
als auch den jugendlichen Meister, welcher
seiner Vaterstadt ein so herrliches, allzeit
würdiges Denkmal verschafft hat.

Möge es jahrhundertelang seine An-
ziehungskraft ausüben und zahlreiche Be-
sucher und Beter erfreuen und erbauen!

Lin Gang durch restaurierte
Airchen.

28. Gattnau, OA. Tettnaug.

Bon Pfarrer D e tz e l.

In einem alten Manuskript »de origine
Parochiae in Gattnau« wird nach der
alten Oberamtsbeschreibung gesagt, daß
zur Zeit des hl. Gallns, also von 609
bis 640, in Gottesau (— Gottnau
— Gattnau) ein frommer Priester Mar-
zell, ein Freund des Pfarrers Villimar
zu Arbon, gewirkt habe. Es wird ange-
nommen, so z. B. von Professor Hefele n. a.,
daß Gattnau die älteste Pfarrei in weiter
Umgegend gewesen und daß Marzell auf
dem Platze, wo jetzt die Kirche steht, in
einem hölzernen Hause, Tabernaculum
genannt, den Gottesdienst gefeiert habe.
Ans diesen Anfängen bildete sich dann
später die Pfarrei, die schon einen großen
Umfang gehabt haben muß, da in einer
vorhandenen Urkunde vom Jahre 1009
(efr. Psarrbeschreibnng) bereits alle ein-
zelnen Ortschaften namentlich anfgeführt
werden, welche jetzt mit derselben verbunden
sind.

Wann die erste Kirche erbaut wurde,
läßt sich nicht bestimmen; der frühere
Pfarrer von Gattnau, Hafen (Gatt-
naner Chronik, Lindau, Stettner, 1354),
setzt sie in die Zeit zwischen dem 12. und
14. Jahrhundert. Vielleicht war es diese
i dem hl. Gallns geweihte Kirche, welche,
| zu klein und höchst baufällig geworden,
\ im Jahre 1788 abgebrochen und auf
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