Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

Seite: 109
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Organ des NotteiiSurger Iiözcsliii-LcrciiiS für Wliche Kirnst.

ljcraiisgegeben und redigiert von Pfarrer Dehel i» St. Ldristiiia-Raveiisburg.

Verlag des Rotte»b»rger Diözesan-Aimstvereiiis;
Aoiniiiissionsverlag von Friedrich Alber in Ravensburg.

, Jährlich 12 Nummern. Preis durch die Post halbjährlich M. 2.05 ohne

Kl* 7 2 Bestellgeld. Durch den Buchhandel sowie direkt von der Berlagshandlung IQO->,
Friedrich Alber in Ravensburg pro Jahr M. 4.10. ' ^

Lin Madoimenwerk für de» Weih-
nachtstisch.

Von Prof. vr. Rohr in Breslau.

Vor einigen Jahren wies ich im An-
schluß an die Arbeiten von Rothes und
Beissel über Fiesole nach, wie sich ein
Umschwung vollzieht in der Wertung Fra
Angelicos. Diesmal kann ich auf ein
Werk des zuerst genannten Autors über
einen andern Gegenstand aufmerksam
machen, nämlich über „die Madonna in
ihrer Verherrlichung durch die bildende
Kunst" (Köln, Bachem, erstes bis drittes
Tausend, mit 118 Tert- und 10 Ein-
schaltbildern). Zwischen den beiden liegt
noch ein drittes, nmsangreicheres über
„die Blütezeit der Sienesischen Malerei und
ihre Bedeutung für die Entwicklung der
italienischen Kunst, ein Beitrag zur Ge-
schichte der Sienesischen Malerschnle"
(Straßbnrg, Heiß, 1004). Das an erster
und das an dritter Stelle genannte sind
streng wissenschaftlich gehalten, ohne frei-
lich trocken und pedantisch zu sein. Das
neueste dagegen ist, wie auch seine starke
Auflage nndeutet, für weitere Kreise be-
stimmt. Es will an der Hand einer
Menge von Illustrationen dartnn, wie
sich das Marienbild seit den Anfängen
des Christentums entwickelt hat bis zur
Gegenwart, und geleitet seine Leser durch
die Geschichte der christlichen Kunst von
den Katakomben bis in die modernsten
Gemäldesammlungen und die jüngsterbanten
Kirchen und Kapellen. Dabei ist es selbst-
verständlich nicht darauf abgesehen, alle
Darstellungen der Mnttergottes in chrono-
logischer Abfolge abzuwandeln, sondern

I die Typen werden herausgestellt. Diese
Art der Behandlung bringt es mit sich,
daß Künstler, von denen man gewöhnlich
kaum die Namen, sa sogar nicht einmal
diese kennt, sehr eingehend gewürdigt sind,
während Träger glänzender Namen sehr
knapp behandelt werden. So nimmt das
älteste Marienbild der Katakomben be-
deutend mehr Raum ein in der Behand-
lung, als z. B. Michelangelo, Rubens
oder Murillo, einfach deshalb, weil die
letzteren kein neues Moment in die bild-
liche Darstellung der Muttergottes hinein-
gebracht haben, sondern sich an die tra-
ditionelle Darstellungsweise hielten. Letz-
tere zu verfolgen ist nun sehr interessant,
denn sie repräsentiert ein gut Stück Ge-
schichte der religiösen Anschauungen sowohl
der Künstler als ihrer Zeit. So fällt
das älteste Mndonnenbild aus den Kata-
komben, noch dem ersten Jahrhundert an-
gehörend, angenehm auf durch die „frische
Natürlichkeit, ja selbst Anmut in Gesichts-
ansdruck und Formen" (S. l) und ist
allen später» gegenüber ein Unikum. Die
ganze „naive Schaffenslust^ des malenden
Nenbekehrten" redet ans ihm. Alle späteren
möchten „in Maria eine der Erde ent-
rückte körperlose, himmlischhohe Wesenheit
betont wissen". In den meisten Kata-
kombenbildern hält Maria einen Arm vor,
als wolle sie Gaben, die Gebete der
Gläubigen, ln Empfang nehmen. Die
letzte Zeit der Christenverfolgung liebt die
Darstellung als Fürbitterin (orans) mit
ausgebreiteten Armen in betender Hal-
tung, und zwar kehren derartige Bilder
wieder bis ins nennte Jahrhundert herauf.
Je jünger jedoch dieselben sind, desto deut-
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