Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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ließet macht sieh ein Zug bet Körper-
losigkeit und Vergeistigung bemerklich, und
das ist's, ivas hinübergreift iu die nächste
Periode.

Ein authentisches Vilb bet Bcnttet-
gottes gab es nach Augustinus unb Am-
brosius nicht, unb bie sogenannten Sankt
Lukas - Madonnen ttagen sämtlich einen
junonischen Typus, und aus ihnen ent-
wickelte sieh bet Marienlypus bet byzanti-
nischen Knnst: gtoßer Kopf, große, läng-
liche Augen, lange, schmale Nase, kleiner
Mund mit zusammengepreßten, oft
wulstigen Lippen, hetvotstehenbes, spitzes
Kinn, bauschige, breiteGewanbnng, sitzende
oder stehende Haltung, mit betend nus-
gestreckten Armen ober mit dein segnenden
göttlichen Kind ans dem Schoß.

Die dogmatische Definition der Wurde
als Kottesgebärertn ans dem Ephefinum
brachte auch dein Marienbilbe eine Er-
iveiternng, nämlich: eigentlichen Schmuck,
kostbares Kleid, Diadem, Edelsteine,
Perlen und huldigende Gestalten ans
den Chören der Engel. Typisch ist das
Mosaikbild am Triumphbogen von Santa
Maria Maggiore in Rom. Zn den Engeln
gesellen sich später Heilige und zuletzt
Donatoren, und die Gestalt der Mntter-
gottes bekommt etwas Mumienhaftes und
wird vom Schmucke fast erdrückt.

Aus dieser Erstarrung wurde die Ma-
donnenmalerei, wenigstens für das Abend-
land, erweckt durch die Schule von Siena:
statt der bisherigen zeremoniösen En facc-
Stellnng neigt sich die Mutter zum Kinde
und das Kind zur Mutter. Auch die bei-
gegebenen Engel sind nicht mehr bloße
Statisten, sondern bekunden schon durch
ihre Körperhaltung Verehrung. Zeitlich
und wohl auch kausal besteht ein Zn-
sammenhang zwischen dieser Belebung und
Verinnerlichung in der Knnst durch die
Sienesen und der Erneuerung des Geistes-
lebens durch die franziskanische Bewegung.
Die Mitivelt fühlte den Hauch der vita
nuova, der ihr hier entgegenwehte, und
geleitete das erste bedeutende Werk der
neuen Richtung, die thronende Madonna
des Dnccio, unter Glockengeläut uub
Posaunenschall in den Dom. In der Tat
zeigt jede Gestalt des Meisterwerkes Ge-
müt und Leben; unter sich stehen sie in
den innigsten Wechselbeziehungen, und sie I

atmen nicht nur Gemüt und Leben,
sondern auch Anmut und Liebreiz, und
diese Vorzüge sind nichts Singuläres,
sondern bleiben fortan ein Erbe der Kunst
und teilen sich auch den Heiligen niit,
welche dieselbe den Engeln zngesellt. llno
die Verinnerlichung wird bisweilen zur
Vergeistigung, und ans dem Auge der
himmlischen Mutter blicken nicht mehr
bloß Mntterglück und Mntterfreude im
gemein menschlichen Sinne, sondern der
Gedanke an das Unendliche, nms ihr Kind
ist und was es wirken soll. Das An-
mutige geht über ins Hehre uub Er-
habene. Oft freilich wird es wieder ge-
dämpft durch das kindliche, liebreizende
Spiel des Jesnsknaben, der mit dein
Schleier der Mutter spielt oder von ihr
gestillt wird. Und das Verständnis und
die Begeisterung erfaßten immer weitere
Kreise und führten sienesische Al ei st er bis
nach Südfrankreich, Spanien und Böhmen.
Die Quattrocentisten von Siena hielten
sich freilich nicht auf der Höhe der Tre-
centisten. Die Innerlichkeit verflacht sich
ans ihren Bildern zur Süßlichkeit. Uebrigens
war inzivischen auf anderem Boden eine
Malerschnle erstanden, die des Erbes der
Sienesen ans ihrer besten Zeit würdig
ivar und dasselbe auch übernahm: die
Florentiner des Quattrocento.
Es ist bezeichnend, daß nicht Künstler von
der Selbständigkeit eines Masolino und
Masaccio, sondern Orcagna, Lorenzo,
Monaco und Fiesole nnb damit eben die,
die sich bewußt an die Sienesen anlehnten,
die Weiterbildung des Marienbildes be-
wirkten. Das Gemüt redet hier noch
deutlicher mit, die Verinnerlichnng'zsteigert
sich, ohne daß damit überirdische Feier-
lichkeit das Charakteristikum in allen
Fällen würde. Auch das Mutterglück und
die Kindesliebe treten als Motiv ans.
Fiesole läßt sogar den Erlöser in gereiftem
Mannesalter ans einer von Seraphim
über dein Haupte Mariens gebildeten
Mandorla voll Genugtuung auf Maria
herabsehen, wie sie ihn als Kind ans den
Armen trägt (S. 23). In seinen

späteren Bildern sind, anlehnend an
Cimabne, die Engel um den Thron
Mariens durch Heilige ersetzt, und das
Zusammensein wird immer mehr zu einem
' innerlich Znsammengehören, Zusammen-
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