Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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sichle», Znsnn'.menreden. Es ist wirklich
eilte sacra conversazione, imb Maria ist
nicht mir ihr physischer, sondern auch ihr
geistiger Mittelpunkt, ihr Schuhgeist.
Außer dcu Personen zeigt auch die
sonstige Umgebung einen Fortschritt, näm-
lich Vorhänge, Teppiche, Mauern, Land-
schaft, also auch hier Mannigfaltigkeit und
Leben.

Im Geiste Fiesoles arbeitete zunächst
Filippo Lippi, und zwar gab er anfangs
WeihnachtSscenen, wandelte sie aber
später in Marienbilder um, indem er alles
ans Weihnachten Bezügliche überging und
nur Maria in anbetender Haltung vor
dein ans der Erde gebetteten Kinde ließ.
Sodann ist er eS, der erstmals den beiden
den kleinen Johannes den Täufer, wenn
auch vorerst noch in schüchternem Fern-
stehen, zngesellte. Dann aber ist es aller-
dings derselbe Filippo, der nach seiner
Rückkehr in die Welt auch das Marien-
bild verweltlicht, die Wöchnerinnenscene
ins Marienleben einführt, seine Gattin als
Madonna und seinen kleinen Filippino
als Christkind malt. Doch malt gerade
Filippino wieder ein ideales, durch-
geistigtes Marienbild. Roch weiter geht
hierin Sandro Botticelli. Zwar sind
seine Bilder bewegter und belebter als
z. B. die Fiesoles: Mntter und Kind
liebkosen sich: Maria reicht dem kleinen
Johannes ihr Kind zur Umarmung;
Engel stützen den an der Mntter einpor-
kletternden Jesnsknaben. Ein Jüngling
reicht Aehren und Trauben, die Symbole
der heiligen Messe, die Substrate für die
Erneuerung des blutigen Opfers ans Gol-
gatha, dar, und das Kind segnet sie;
aber bei der Mntter wie bei dem Kinde
ist es nicht Hoheitsbewußtsein oder Glücks-
gefühl, sondern ein melancholisches Vorans-
ahnen der furchtbaren Zukunft, die beider
harrt. Nicht einmal die Bilder der
thronenden Madonna verleugnen diesen
Zug ganz, zumal da, >vo der Thron um-
stellt ist mit Engeln, die die Leidenswerk-
zeuge tragen. — Freudiger muten die
Magnisicatbilder an, auf denen Engel ein
mit dem Magnisicat beschriebenes Buch,
andere eine Krone über das Haupt der
Mntter halten, und doch vermag selbst dieser
Lobgesang nicht alle Wolken zu ver-
scheuchen. — Bei der nächsten Florentiner

Künstlergeneration lassen sich die Nach-
wirtnngen des Fra Angelico, Filippo und
Botticelli deutlich Nachweisen. Aehnlich
verhält es sich bei den Bildhauern.
Giovanni Pisano steht unter den» Einfluß
Guidos von Siena, die della Nobbia und
Donatello unter dem Filippos.

Lnca della Nobbia betont die Göltlich-
keit des Kindes und läßt Maria mehr
zurücktreten, stellt sie wohl auch — und
das ist eine Neuerung — hinter eine
Rampe und läßt sie das Kind auf der-
selben halten; aber doch hat auch er
Werke geschaffen (Neapel, Museo nazio-
nale und Kaiser Friedrich - Museum in
Berlin), in denen Kindesart uitb Mntler-
glück ohne alle hieratische Feierlichkeit ge-
schildert sind. Andrea della Nobbia be-
tont wieder mehr das Erhabene und gibt
zu diesem Zwecke manchmal den Vater
und heiligen Geist bei, ersteren zuweilen
nur durch zwei wie wohlgefällig hin-
weisende Hände andentend. Engel halten
wohl auch eine Krone über der Ge-
benedeiten oder ein Spruchband mit dem
Gloria in excelsis vor ihr. Auch Heilige
treten ans uub bilden eine sucra convcr-
sazione.

Donatello zeigt zunächst noch klassische
Ruhe, bald aber macht sich das lyrische
Gefühlsleben der Sienesen geltend, selbst
die Schwermut Botticellis fehlt nicht.
Unter DonatelloS Einfluß stehen dann
sämtliche Florentiner Bildhauer bis herab
zu Michelangelo. In seinen Madonnen
wechseln männlich kraftvolle und weiblich
anmutige Formen; aber an machtvollem
Ausdruck stürmischen Empfindens, wie er
uns in der Grabkapelle der Mediceer ent-
gegentritt, ist er nuerreicht.

Ter Padnaner Mantegna zeigt antike
neben Fra Angelcscen Zügen, darunter
auch den symbolistischen Hinweis ans die
erste Eva.

In Venedig hat der byzantinische Ein-
fluß am längsten gedauert und er bekundet
sich einerseits durch Starrheit und Un-
beweglichkeit, anderseits durch die Pracht-
liebe in den schmückenden Zutaten und
Beigaben. Bald aber zeigt sich auch An-
mut, Leben, Wechselseitigkeit unter den
einzelnen Gestalten, also sienesische Züge.
Selbst die Rampe als Standort kehrt
! wieder. Das typische Modell für die
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