Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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veiietiailische Madonna hat Giovanni
Bellini geschaffen, aber nicht eine durch-
geistigte überirdische Gestalt, sondern eine
blühende, gesunde, schöne Frau in vollen
Formen. Mehr Tiefe, ja eine schwärme-
rische Begeisterung wußte Giorgione seinen
Gestalten zu geben, und die Harmonie
zwischen ihnen und der umgebenden Land-
schaft ist gleichfalls giorgionisches Sonder-
gut. Ihren Höhepunkt in allem, was
äußere Eleganz in sich schließt, erreicht
die venelianische Kunst in Tizian. Re-
präsentativnsbilder (Madonna del Pesnro)
wie Kinderidyllen (Maria mit dem Ka-
ninchen) schafft er mit gleicher Bravour.
Tintoretlo läßt Maria ans Wolken in
den Höhen thronen und die Heiligen zu
ihr anfsehen.

Die Norditaliener standen wohl ins-
gesamt teils unter toskanischen, teils unter
venetianischen Einflüssen. Lionardeskes
Sondergnt sind die eigentümliche Lichl-
effekte bewirkenden Landschaften mit ihren
zerrissenen Felsen. Glänzende Lichlesfekte
erzielte gleichfalls Correggio, und wirkte
damit zurück ans die späteren Florentiner.

In der umbrischen Schule erreicht
die italienische Madonnenmalerei ihren
2lbschluß und in deren Haupt: Raffael
Sanzio zugleich ihren Höhepunkt. Tiefe
der Auffassung, Klarheit und Majestät
der Komposition und Glanz der Dar-
stellung wirken hier harmonisch zusammen,
und auch die Harmonie der Personen
mit dem Hintergrund und der nächsten
Umgebung fehlt nicht. Sonniges Mntler-
glück neben träumerischem Versonncnsei»,
demutsinnige Andacht neben überirdischem
Hoheitsgefühl begegnen uns wieder, letz-
teres freilich niemals wieder, weder früher
noch später, in einem solchen Grade ivie
in der Sixtina. Nene Motive bringt er
so gut wie keine. Das aufgespannte Tuch,
das aufgeschlagene Buch, das Bögelchen,
der spielende, liebkosende oder verehrende
Johannes, der Thron, die Wolken, die
Heiligen, das alles sind längstbekannte
Knnstelemente, und doch hat man vor
keiner einzigen Rasfaelschen Madonna das
Bewußtsein, dies oder auch nur ähnliches
schon einmal gesehen zu haben. Ins-
besondere sucht man eine derartige Ein-
fachheit, Hoheit und Majestät, wie sie in
der Sixtinischen Madonna die Mittlerin j

zwischen Himmel und Erde verklären, in
der ganzen Kunst vor- und nachher ver-
geblich. So unergründlich tief und so
erhaben und erhebend zugleich blickt keine
Madonna und kein Christkind.

Das Gefühl der Ernüchterung, das
sich beim Uebergang von der italienischen
zur deutschen Kunst gewöhnlich einstellt,
regt sich auch auf dem Gebiet der Marien-
darstellung. Bon byzantinischer Steif-
nnd Starrheit ist ja allerdings nichts zu
verspüren. Eine gewisse Anmut, Gc-
mütstiefe und Innigkeit ist den Erstlings-
iverken der kölnischen Malerei nicht ab-
znsprechen. Möglicherweise geben diese
Züge sogar auf sienesische Einflüsse zu-
rück. Aber die Zierlichkeit geht eben doch
beinahe über in Zimpferlichkeit, und Stefan
Lochners Maria mit dem Veilchen neben
eine Madonna von Raffael oder Michel-
angelo gestellt fällt geradezu ans durch
ihre Körperlosigkeit. Die Arbeiten der
schwäbischen Schule gar wirken direkt un-
schön. Rur taucht hier für den Kundigen
die Frage auf, ob der Glanz Altkölns
nicht aus Schwaben erborgt ist. 2tuf der-
artige kritische Fragen kann ein Buch wie
das vorligende naturgemäß nicht eingehen;
aber vielleicht folgt der Verfasser sonst
einmal den Spuren, auf die der selige
Probst hinwies.

Mehr Anmut als Schongauers Maria
im Rosenhag zeigen die Werke Grüne-
walds; auch begegnen uns ans ihnen Licht-
esfette, die für jene Zeit doch sehr viel zu
bedeuten haben. Gemüt atmen Cranachs
d. Ae. Werke. Die berühmteste deutsche
Madonna aber hat Holbein d. I. gemalt.
Schon die Madonna von Solothurn zeigt
„erstklassige malerische Qualitäten", wird
jedoch noch überholt durch die Madonna
des Bürgermeisters Meyer. Volle Farben,
warme Töne, majestätische Erscheinung,
holde Anmut, vornehme Gesichtszüge bei
der Mnttergottes, fein modellierte, aus-
drucksvolle Köpfe, Fluß der Umrisse und
Ehrerbietigkeit der Haltung bei den Betern
zu ihren Füßen sichern dem Werke den
Ehrennamen des hehrsten deutschen Ma-
rienbildes, und da es als Trutzbild gegen-
über der Reformation zu verstehen ist,
verdient es auch noch Beachtung ans
Gründen, die außerhalb der Aesthetik und
Kunstgeschichte liegen. Die Werke Dils
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