Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 23.1905

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Niemenschneiders, des Meisters E. S.,
Burgkmaiers u. s. w. haben ihre Vorzüge,
stehen aber weit hinter Holbein zurück.
Und auch Dürers Mariendarstellnngen
streben mehr nach Nichtigkeit als nach
Sckönheit und haben alle ein „familiär-
ansprechendes und devvtivnelles Element".
Auf seinen Reisen hat er italienische und
niederländische Elemente ausgenommen.
Die Verehrung selber aber für die Him-
melskönigin war ihm eigen sein Leben
lang und half ihm sein erstes wie sein
letztes Werk schaffen.

Mit der Hervorhebung der edlen Ein-
falt, stillen Größe, feierlichen Ruhe des
Ausdrucks, des plastischen Faltenwurfs
der Gewandung, des ansgebildeten Sinns
für Perspektive, Naturschönheit und mäch-
tige Architektur des Hintergrundes, des
warmen, harmonisch gestimmten Kolorits
sind die Vorzüge der Werke der van Eyck,
aber auch der altniederländischen Kunst
genannt. Rubens und van Dyck weisen
italienische Züge ans, ohne freilich ihre
Eigenart preiszugeben.

Die Franzosen zeigen auch hier ihre
„manierierte, wenig originelle Art".

Unter niederländischem Einfluß steht
die spanische Schule; auch die Nachbar-
schaft Italiens macht sich bemerkbar, be-
sonders in den kompositioncllen Motiven.
Dagegen zeichnet sie sich namentlich in
Murillo durch Sinn für glückliche Ver-
wendung von Farbe und Licht ans.

Im Silben wirkt die Hochrenaissance
noch lang nach, im Norden legt der dreißig-
jährige Krieg mit seinen Nachwehen die
Knust ans Jahrhunderte lahm. Erst die
Nazarener hauchen ihr wieder neues Leben
ein, und wenn manche auch sehr abfällig
über sie urteilen, so sind doch nicht senti-
mentale Schwärmerei und schwächliche
Nachahmung der Renaissance ihre Sig-
natur, sondern wahre Andacht leitete sie,
und den Formen der Renaissance wußten
sie doch deutsche Tiefe und Innigkeit zu
geben. Eine Beliebtheit, wie sie ihren
Werken ward, war nicht oft der Anteil
der bildenden Kunst. Sie wollen aus
ihrer Zeit heraus verstanden sein, und da
bedeutet ihr Werk eine Erlösung und auch
heute noch waltet ihr Geist in den der
Gesellschaft für christliche Kunst nahe-
stehenden Kreisen. Das Reinmenschliche

prävaliert in den Darstellungen Böcklins,
H. Kaulbachs, Gabriel Max' und v. Nhdes,
ist aber freilich mit dem ganzen Raffine-
ment modernster Kunst wiedergegeben. Bei
Mar kommt noch ein geisterhafter, som-
nambnl-hysterischer Zug, bei Ilhde ein
Stück Elendmalerei hinzu. Die Madonna
des letzteren ist die Frau des vierten
Standes in ihrer ganzen Armseligkeit und
soll eben dadurch echte Empfindung er-
wecken. — Damit ist die Geschichte des
Marienbildes abgeschlossen. Nun gilt es
noch, das Marienleben in seinen einzelnen
Scenen durch die Kunstgeschichte zu ver-
folgen, die Meister zu nennen, die sich
ihrer Darstellung gewidmet und, wo nötig,
auch die individuellen Züge, die sie den-
selben abzugeminnen wilßten. Wir haben
also eine Ikonographie sämtlicher Ereig-
nisse des Marienlebens, die je einmal
Gegenstand künstlerischer Darstellung
waren, und zwar nicht nur eine Anein-
anderreihung von Namen, sondern eine
kurze Charakterisierung. In den/vielen
Illustrationen des Buchs selber ist ein
reiches Material enthalten znm Nachprüfen.
De» Besitzern des „klassischen Bilder-
schatzcs", des „Museums" oder irgend
eines größeren Knnstallasses ist ein kun-
diger Führer zum Verständnis ihrer kleinen
„Kunstsammlung" gegeben, und wer sich ein-
mal die Mühe genommen, zu vergleichen, wie
der einzelne Vorgang von den verschiedenen
Meistern behandelt worden ist, und wer
sich klar geworden, warum der eine den,
der andere den andern Zug hervorhebt
und worin der Vorzug der einen vor der
andern Darstellung liegt, der hat für das
Kunstverständnis überhaupt viel gelernt.
Auch von praktischem Interesse ist dieser
zweite Teil. Die Stiftungen, die sich
mit Aufträgen an Wadere, Busch, Feuer-
stein und ähnliche Künstler wenden können,
sind nicht sehr zahlreich. Anderseits haben
wir aber doch eine Reihe tüchtiger Maler,
die nach Vorlagen arbeiten könne». Das
Werk von Rothes bietet solche für alle
nur erdenklichen Sujets aus dem Marien-
lcben, kann also manchmal auch zum Be-
rater werden. — Ob man also Kunst-
verständnis hat oder erst erwerben soll,
man wird das Buch immer mit Nutzen
und mit Genuß benützen. Der bei der
glänzenden Ausstattung auffällig niedrige
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