Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

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Hcrausgegeben und redigiert von Pfarrer Dchcl in St. Lbristina-Raveusburg.

Verlag des Rotteuburgcr Diözesan-Ituuftvereins;
Rommissionsverlaa von Friedrich Alber in Ravensburg.

Jährlich 12 Nummer». Preis durch die Post halbjährlich M. 2.05 ohne
©]' J Bestellgeld. Durch de» Buchhandel sowie direkt von der Verlagshaudluug IGOO
r‘ * Friedrich Alber in Ravensburg pro Jahr M. 4.10. '

Die Bedeutung des Aachener Okto-
gons als Zentralbau.

Von H. Bogner-NegeuSburg.

Die vorkarolingische Zeit hat die ver-
schiedenartigsten Grnndrißanlagen für Z e n-
tralbanten geschaffen. Es konnte nun
der Gedanke Platz greifen, ob das Aachener
„Oktogon", wie zweifellos in äußerer auch
in innerer Abhängigkeit von jenen
Grundrißformen stand, oder ob es ledig-
lich der Willkür des Baumeisters, dem
Spiel des Zufalls feine zentrale Dis-
position verdankt. Derselbe Gedanke
läßt, so ungewöhnlich es auch bei einer
„Kapelle" zunächst klingen mag, sogleich
nach dem Zweck der Pfalzkapelle
fragen.

Der „Zweck" der Pfalzkapelle wird be-
zeichnet mit NoltensZ Worten : „Es ist be-
kannt, daß Karl der Große die jetzige
Münsterkirche zu seiner Grabkapelle
erbauet und dabei Geistliche angestellt hat,
um den Gottesdienst zil verrichten", oder
wenn es bei Dehio und v. Bezold2)
heißt: „Der Aachener Bau hat die zwei-
fache Bestimmung, Grabkirche und
Palastkirche zu sein", eine Erklärung,
welche in Bezug auf den letztgenannten

Rotten, Ferd., Archäologische Beschreibung
der Münster- oder Krönuugskirche iu Aachen nebst
einem Versuch über die Lage deS Palastes Karls
des Großen. Mit einem Grundriß und Durch-
schnitt der Kirche. Neuer, durch biographische und
sachliche Zusammenstellung vermehrter Abdruck,
bes. von Johannes Chorus. Aachen 1880. S. 70.

2) Dehio, G., u. v. Bezold, G., Die kirchliche
Baukunst des Abendlandes, historisch und syste-
matisch dargestellt. I. Bd., hiezu Bilderatlns von
360 Tafeln. Stuttgart 1892. S. 152.

Zweck selbst für die Form von S. Vitale
sowie die der Sophienkirche in Konstan-
tinopel in Anspruch genommen werden
darf. ‘)

An diesem doppelten Zweck der
Pfalzkapelle2) ist nicht zu zweifeln, so viel
und mit so geringem Erfolg auch über
die Lage des Grabes Karls d. Gr. dis-
kutiert worden ist, und so sehr sich auch
dessen Anordnungen in dieser Hinsicht selbst
widersprechen?)

In welch innerem Zusammenhang, kann
man nun fragen, steht der zweifache reli-
giöse Zweck der Pfalzkapelle mit der
Form. Was bewog Karl d. Gr. gerade
zur Wahl des Zentralbaues, während doch
die Hanptkircheil der Christenheit in Nom
Langhausbauten sind V^Sollte die Anlage
von S. Vitale in Ravenna als Grab-
kirche Karls besonderes Interesse erweckt
haben? Oder sollte ein beabsichtigter An-
schluß an die Hagia Sophia, die große
Hofkirche des oströmischen Kaisertums,
vorliegen? Sollten ihn etwa die zahl-
reich erhaltenen römischen Grabbauten,
namentlich die eines Angustns und Hadrian,
veranlaßt haben, für die eigentliche Grab-
kirche ebenfalls die Rundform zu wählen?
Oder der Einfluß des nachmals der
Gottesmutter geweihten Pantheons zu
Rom, wie Beißel im Gegensatz zu

') Lübke, W., Geschichte der Architektur von
den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Tritte,
stark vermehrte Auflage. Leipzig 1865. S. 251.

2) Kein deutscher Kaiser der uachkarolingischcn
Zeit hat sich eine solche Grabkirche errichtet.

3) Vergl. Zeitschrift des Aachener Gesch.-V.
Bd. 14. S. 143, Anmerk.
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