Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

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deiiknial eigentümlich,1) und im
Abendlande bildete für solche die Zentral-
form von jeher die Norm?) Um dies
zu erkennen, braucht man sich nur an die
bereits erwähnten Grabdenkmäler eines
Angnstns, eines Hadrian zu erinnern.
Ferner legt sich die Vermutung nahe, daß
manche Cellae in den Katakomben kreis-
r uude oder p olygonaleForm hatten?)
Die einmal begonnene Nachbildung des
antiken Grabmals erheischte aber auch
weiterhin dessen Form, umsomehr, als
Grab und Tempel im absterbenden Heiden-
tum ganz verwandte Begriffe waren, in-
sofern schon die Tempel der alten Götter
Tempelgräber kannten, das Grab selbst
immer mehr zum Tempel wurde und später
Grab und Tempel fast unzertrennbare Be-
griffe waren: »Templum et sepulcrum
dici potest veterum auctoritate«. Der
strenge ArnvbinS konnte so schlechthin von
heidnischen Gotteshäusern behaupten:
„Wird es nicht durch Aufschriften und
Tempelstifter bezeugt, daß viele dieser
Tempel mit goldenen Tholen und hoch-
ragenden Dächern Asche nnd Gebeine be-
deckten und Gräber bestatteter Körper
seien?"4)

Im ausübenden Christentum war es
nicht anders. Und dieser Begriff von
Grab und Kirche blieb später noch
lange verbunden, ja die Kirchen wurden
von älteren Schriftstellern (Eusebius,
Chrysostomus re.) geradezu Begräbnis-
Plätze (coemeteria) oder Gräber ge-
nannt?)

Den sich forterbenden antiken Anschau-
ungen entsprechend war die von Gregor
von Diocaesarea (7 374) erbaute, von
Gregor von Nazianz erwähnte Grabkirche
ein Zentralbau?) Zeitlich näher liegt *)

*) Sieber, Frz. Geschichte der Baukunde im
Altertum. Leipzig 1868. S. 83.

2) v. Quast, lieber Form, Einrichtung und
Ausschmückung der ältesten christlichen Kirchen.
Mit Kupfertafeln. Berlin 1853. S. 26.

3) Weingärtner, W., System des christlichen
Turmbaues. Göttingcu >860, Vorrede. — Stock-
bauer, I., Der christliche Kirchenbnu in den ersten
Jahrhunderten. Mit 5 Tafeln. Negensburg 1874.
S. 88.

Weingartner, S. 44; Stockbauer, S. 83.

? Weingartner, Vorrede (nach Förster, Ge-
schichte der deutschen Kunst. S. 7).

“! Krauß, Fr. Geschichte der christlichen
Kunst. II. Bd. S. 262.

sodann z. B. das Grabmal des Theodorich
in Ravenna.

Zn allem dem kam, daß sich nach christ-
licher Anschannng über dem Grabe, zumal
über dem der Heiligen, das Land der
Verheißung, das Himmelreich öffnete.
Als daher Konstantin d. Gr. dem Kultus
öffentliche Wohnstätten errichtete, sah er
sich an die Gräber der Märtyrer als an
die unzweifelhaften Bauplätze gewiesen,
lieber dem Grabe des Heiligen baute sich
der Altar ans, und um den Altar her
reihten sich die Gräber der Seligen.
Hatten früher die Gräber als Kirchen ge-
dient, so waren nun die Kirchen immer
noch Gräber und zwar nicht allein die
Gräber der Heiligen, sondern allgemeine
Begräbnisorte, wenigstens solange, bis die
Gefahr für die Lebenden eine Beschränkung
notwendig machte?)

Wie fest die Vorstellung von Grab und
Kirche im Bewußtsein der frühchristlichen
Zeit hastete, geht n. a. daraus hervor,
daß ein Schriftsteller von der durch Kon-
stantin d. Gr. erbauten Kirche der gött-
lichen Weisheit zu Konstantinopel sagt:
„Der Altar dienet statt des Grabes, wo
Christus liegt, das mystische und blutige
Opfer."?! Diese feste Verbindung bezeugt
weiterhin genugsam die Antwort, welche
Laurentius de Leodio dem Bischof von
Verdun gibt auf die Frage, warum den
Heiligen des alten Testamentes keine
Kirchen erbaut würden: „Weil man ihren
Geburtstag (b. i. Todestag) nicht kennt
und keine Reliquien von ihnen hat." 3)

Als im Laufe des vierten Jahrhunderts
die öffentliche Verehrung der Glaubens-
Helden eine immer größere Ausdehnung
gewonnen hatte, wurden über ihren
Gräbern oder Leidensstätten Gedächtnis-
kirchen (Votivkirchen, Wallfahrtskirchen,
martyria, mcmoriae) erbaut und an den
Todestagen der betreffenden Märtyrer
große Feierlichkeiten unter dem Zuströ-
men bedeutender Volksmassen abgehalten.
Das Ganze war gleichsam Mausoleum
des betreffenden Heiligen?) Aber auch zu

? Förster, E., Geschichte der italienischen Kunst.
I. Bd. Leipzig 1869. S. 78.

2) Ebendaselbst, S. 79.

s) Unger, S. 35.

4) v. Quast, S. 4 u. 15. — Bock, Frz., Der
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