Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

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rechts, überhaupt kaum sichtbar, das
Vestibül zur Taufkirche: das kommt also
nicht auf liegen de» kolossalen Zentral-
bau ; es wird kaum bemerkt und kann
also auch nicht eigentlich störend wirken.
Der Hauptgrund ist allerdings der, daß
der Norhallenbau (D) sehr viel breiter
angelegt ist, als die-s dem eigentlichen
Dom, d. h. dem Zentralbau, entsprechend
gewesen wäre; er ist ca. 27 Meter breiter
als dieser. Dadurch, nämlich durch die
vorderen Ecktürme, werden die beiden An-
hangbauten L und C, letzterer fast ganz,
elfterer zum großen Teil dem Auge des
Beschauers von der Westseite entzogen,
mozn noch kommt, daß ihre Höhe so gering
ist, daß sie niemals in eine Konkurrenz
mit dem Zentralbau treten kann.

So löst sich das Rätsel des Grundrisses.

Denken wir uns nun die Anbauten 6
und C ganz weg — verdecken mir die-
selben ans dem Grundriß —, dann haben
wir einen durchaus regelmäßigen Bau,
dessen Hauptachse von Osten nach Westen
geht (dort Chornische, dir. 10), hier der
Eingang mit der ihm vorliegenden pom-
pösen Vorhalle und Schanseite; die Quer-
achse laust von Norden nach Süden in
gleicher Länge wie jener. Genauer gesagt,
haben wir also einen Zentralbau, in welchem
das( Längsschiff und das Qnerschiff gleich
groß sind; sie bilden ein gleichseitiges
Kreuz von je 56 Metern Länge und
15 Metern Breite; die Kreuzarme aber
stoßen nicht senkrecht aufeinander, sondern
werden durch vier tief einbnchtende Dia-
gonalnischen vermittelt. So erhalten wir
dann ein den ganzen Raum des eigentlichen
Domsinnern umfassendes gewaltiges Achteck,
aber ungleichseitig, indem das Längen-
und das Querschiff erheblich breiter sind,
als die vermittelnden Diagonalabsiden.
In dieser Anlage hat der neue Berliner
Dom Verwandtschaft mit der Dresdener
„Frauenkirche", welche (nach Gurlitt)
„die am meisten protestantische Kirche der
Welt" ist. Auch diese ist eine Zentral-
anlage, deren Hanptraum ein Oktogon
bildet; auch dort sind die vier in den
Achsen liegenden Gewölbebogen breiter,
als die Diagonalbogen; auch dort sind
Emporen sowohl in den Diagonalnischen
wie in dem sich kreuzenden Schiss ange-
bracht.

Näherhin gliedert sich das Innere des
Berliner Domes also: Auf der breiteren
Westseite ist unten der Eingang in das
Innere des Domes, oben ist die große,
glänzende Kaiserloge angebracht; ihr gegen-
über, auf der Ostseite, befindet sich eine
Halbkreisnische mit dem imposanten Altar-
ranm, ans dem rechten Querschiff ist so-
wohl unten als oben auf der Tribüne der
Hanptplatz für die Gemeinde; gegenüber
im linken Querschiff oben die riesige Orgel
mit 114 Registern (ein Geschenk des
Fürsten Henkel von Donnersmark), unten
wieder Raum für die Gemeinde. Das
sind die in Kreuzform sich gegenüber-
liegenden Hauptseiten des Achtecks. Die
sie verbindenden Diagonalen tragen (pro-
visorisch links von der Altarnische) die
Kanzel und kleinere Emporen. Die Zahl
der Sitzplätze ist 1960, die der Stehplätze
1600; der Dom faßt also in seinem Hanpt-
ranm 3560 Personen.

Rings um diesen Kirchenraum grup-
pieren sich dann (in den vier Ecktürmen
des Zentralbaues sowie in den zwischen
ihnen nnd dem Mittelranm liegenden
Partien) eine außerordentliche Zahl von
NebeiWttmen: Sakristeien, Küsterzimmer,
Domchorübnngssäte, Verwaltnngsrünme,
Archiv, Museum, Registratur des Domes,
Konfirmandensaal, Amtszimmer, Warte-
zimmer ». s. w. it. s. w. samt vier
prächtigen Treppenhäusern für die Em-
poren, alles prächtig entsprechend einge-
richtet.

Soviel über den eigentlichen Dom,
den Zentralbau; und nun zu den beiden
niederen, wenn auch geräumigen und
prachtvoll geschmückten Anbauten desselben.

Die sogenannte Taus- nnd Trau-
ungskirche (s. Grundriß C mit Um-
gebung) liegt an der Südseite des Domes
> (also rechts vom Dome, wenn man in
denselben eintritt von der Front her,
dem Schloß zu gelegen). Sie stellt sich
dar als ein mäßig großer Raum mit
Tonnengewölbe, das leicht getönt ist; ein
Altar nnd Taufstein sind angebracht. Die
Zahl der Sitzplätze ist 150. Dieser Raum
ist für Feierlichkeiten. in der kaiserlichen
Familie reserviert. Die Taufen nnd
Trauungen in der übrigen Domgemeinde
finden in der großen Predigtkirche statt,
, wo hinter dem Altar ein Taufstein steht.
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