Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

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Die sogenannte Denknialskirche
(Grundriß s. L) ist auf der entgegen-
gesetzten Nordseite dem Dome angebaut.
Sie ist bestimmt, als Kirche für Trauer-
feierlichkeiten und zugleich als Denkmals-
Halle für verstorbene große Tote der
Nation zu dienen, ähnlich wie das Pantheon
in Nom, die Westminsterabtei in London
u. s. w. Dieser Anbau ist also weit
größer, als die Taufkirche. Er mißt in
der ganzen Länge 38 Nieter, in der Breite
sogar 42 Meter; also ein Raum, welcher
der Fläche des Dominneren, ohne die vier
großen Nischen, gleichkommt. Von seinen
fünf Kapellen ist jede so groß wie das
Mausoleum Kaiser Friedrichs in Potsdam.
Dieser Prachtranm, welcher mit dunkel-
rotem, schwarzem, gelbem und anderem
Marmor wunderbar ansgekleidet wurde,
ist noch leer. Nur eine Gruppe: die
Kreuzabnahme in Marmor, schmückt die
Mitte; dazu kommt das Denkmal Bismarcks.
In der östlichen Kapelle ist der Eingang
zur Hohenzollerngruft, ivelche unten liegt.
Diese Gruft ist ein gewaltiger Raum.
Sie zieht sich nicht bloß unter die Denk-
malskirche, sondern unter dem ganzen Dom
und bis unter die an der entgegengesetzten
Seite liegende Taufkirche hin in einer
Länge von 100 Metern und mit einer
Höhe von 4'/2 Metern. 78 mächtige,
einfache Granitsänlen in langen Fluchten
tragen die Gewölbe dieses ernsten, stillen
Raumes. 97 Särge sollen von den bis-
herigen Ruhestätten hieher übertragen
werden; jeder ist durch ein Gitter von dem
andern getrennt.

Wenn auch die geschilderten beiden An-
bauten nicht eigentlich streng organisch mit
dem Dom verbunden sind, so führt gleich-
wohl von dem Inneren des letzteren ein
Prachtportal soivohl zu der Trannngs-
und Tauf- wie zu der Denkmals- und
Grnftkirche der Hohenzollern. Unb so
kann man die ganze gewaltige Dombreite
durchschreiten mit ihren drei Abteilungen;
cö ist das ein Weg von ca. 107 Metern.
Nur auf diesem Wege kommt Einem ganz
zum Bewußtsein, daß der neue Berliner
Dom nichts Einheitliches, sondern ein
Aggregat von drei unter sich verschiedenen,
bloß in der Stilform gleich gehaltenen
Bauwerken ist. Da aber die Abteilungen
ick und C nur bei besonderen Anlässen j

benützt werden, und dann nur vonl Hofe,
sonst aber nicht zugänglich sind, während
der Hanptranm, die sogenannte Predigt-
kirche, für den regelmäßigen Gottesdienst
dient, so bleibt der einheitliche und groß-
zügige Eindruck des Zentralbaues gewahrt.

Fassen wir die Sache zusammen, so
kommen wir zu dem Urteil: Der neue
Berliner Dom wirkt imponierend mtb
großartig durch seine äußere Erscheinung,
durch die stolze, breite Frontseite, durch
die inmitten der vier kleineren, laternen-
geschmückten Knppeltürme hoch anfragende
Hanptknppel und das sie umschließende
Massiv des Zentralbaues. Ferner wirkt
er außerordentlich prächtig durch das be-
reits angeführte reiche Leben seiner
äußeren architektonischen Gliederung wie
des ebenso reichen plastischen Schmncke-
und den Wechsel der Farben dabei. Diese
Pracht aber entfaltet sich im Innern erst
zu großartigster Fülle. Die von gekup-
pelten kannelierten Säulen und Pilastern
korinthischer Ordnung mit entsprechenden
Attiken getragenen hohen Bogen der vier
Haupt- und der vier Nebennischen der
Krenzesform, welche überreich mit Stnck-
ornamenten und Figuren versehen sind,
die prachtvollen Reliefs in den kolossalen
Zwickeln, die Marmorsäulen in verschie-
denen Farben, die gemalten Fenster (das
Fenster hinter dem Altar hat die Krenzignng
Christi gleichsam als niächtig wirkendes
Altarbild), die von Pracht strotzende Altar-
nische mit Gemälden und plastischem Fi-
gnrenschmuck in der sie überwölbenden Hnlb-
knppel, die Glasmosaikfelder mit ihrem
berückenden, fast orientalisch anmutenden
Farbenspiel, dann die mächtige Hauptkuppel
mit doppeltem Umgang, mit den Riesen-
gemäldeu der acht Seligkeiten in den Fel-
dern, darüber und daneben Friese und Krö-
nungen in üppigem Sknlptnrwerk (Stncea-
tnren), darüber das von kolossalen EngelS-
gestalten (Plastik) getragene Oberlicht mit
den goldenen Strahlen in der Glasfläche,
in der Milte das Symbol des heiligen
Geistes, dann rings ans den acht Pfeilern
die Monnmentalstatuen der Stifter des
Protestantismus, die Orgel, fast schon im
Stil des Barock mit der in die Brüstung
eingegliederten Vororgel (ähnlich wie z. B.
auch in Weingarten), der hohe Königs-
chor mit dem Marinoranfgang — all das
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