Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 24.1906

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viele, leuchtende Gold neben der Farben-
pracht des Marmors, des Stucks, der
Bilder: das wirkt in der Tat fast über-
ivältigend; es zwingt den Beschauer zur
Bewunderung; es kündet im lautesten
Siegeston die Macht und die Würde des
ersten protestantischen Domes der Welt
und zugleich die Hoheit und den Glanz
des deutschen protestantischen Kaiserhauses.

(Fortsetzung folgt.)

Heber die Historienzpklen der Sir-
tinischen Kapelle.

Bo» Dr. 21. ©vouer in Freiburg i. Br.

Verflossene Weihnachten ist das ans
Mitteln des Deutschen Reichs ermöglichte
Prachtwerk über die Sixtinische Kapelle
mit dem 2., über Michelangelos Decken-
malerei und sein Jüngstes Gericht han-
delnden Teil zum glücklichen Abschluß
gelangt, nachdem der 1. Teil, welcher
Ban und Schmuck der vatikanischen Palast-
kapelle unter dem Roverepapst Sixtus I V.
behandelt, schon im Jahre 1901 in die
Oesfcntlichkeit getreten war. Wenn einmal
die berühmten Malereien dem unabwend- j
baren Untergänge werden anheimgefallen !
sein, dann wird man die prächtige Publikation
erst recht zu würdigen wissen. Der jetzige
Schweriner Mnseumsdirektor, Dr. Ernst
Steinmann, der Verfasser der umfang- i
reichen Monographie über die Kapelle1),
hat sich um die Sixtinaforschung bleibende
Verdienste' erworben, aber „als nach jeder
Richtung abschließend" dürfen seine Er-
gebnisse naturgemäß nicht gelten. Was
Hofrat Pastor von der Camera della
Segnatura im Vatikan mit ihren berühm-
ten Werken Raffaels (Dispnta, Schule
von Athen) gesagt hat, daß sie an Schön-
heiten unerschöpflich sei wie der Himmel,
an welchem sich immer neue Sterne ent-
decken lassen (Päpste lll 76l, 3. Allst.),
das gilt eben in noch höherem Maße von
dem weltberühmten Knnstheiligtnm, das
de>> tiefsinnigsten historisch-typologischen
Bilderzyklns der italienischen Frührenais-

') E. toteimunnn, Sie Sixtinische Kapelle.

1. Band: Bau und Schmuck der Kapelle unter
Sixtus IV. 1901. ©r. 40, xiX u. 710 S.

2. Band: Michelangelo. 1905. XX u. *12 S.
Beide mit vielen Abbildungen nebst Tafel-Mappe.
München, Verlagsanstalt F. Brnctinann.

) sance und die genialste Schöpfung Michel-
angelos birgt. Gerade da, wo Steinmann
sichtlich alles ansbot, abschließende Resul-
tate zu liefern, in der inhaltlichen Erklä-
rung des Wandfreskenzyklns, hat er ohne
Zweifel mehr verwirrt als nufgehellt. Der
Nachweis, daß Cteinmanns Erklärungs-
versuch ein bloßes Fantasiestück, die Hoff-
nung des Verfassers, auch positiv zur
Deutung des Bilderkreises beizntrage»,
endlich die feste Ueberzengnng, daß das
richtige Verständnis des Wandzyklns zu-
gleich ein überraschendes Schlaglicht ans
Michelangelos Deckenmalereien werfe, möge
ein nochmaliges Aufrollen der Frage recht-
sertigen. Wir können uns im engen
Rahmen eines Zeitschriftanfsatzes selbst-
verständlich nicht ans eine eingehende Aus-
einandersetzung mit 'Steinmanns Ausfüh-
rungen einlassen. Wir ziehen es vor,
die positive Erklärung des Bilderkreises
zu entwickeln und dann kurz zu zeigen,
wo Steinmann in die Irre gegangen und
zu welchen Konsequenzen das geführt hat.

T h e 11t a t e 1111 d A n 0 rd 1111 n g d e r
Fresken.

Der Wandfreskenzyklns der Sixtinischen
Kapelle stellt Ereignisse ans dem Leben
Mosis (ans der Evangelienseite) und Christi
(auf der Epistelseite) einander gegenüber.

Nachdem die Auffindung Mosis durch
die ägyptische Königstochter und die Ge-
burt Christi, beides Werke Pernginos,
welche ursprünglich den Bilderkreis auf
der Altarwand erösfnetcn, dem Jüngsten
Gerichte Michelangelos (1536/41) znm
Opfer gefallen sind, beginnt heute die
Christnsreihe ans der Langwand mit der
Taufe Christi, ebenfalls von Perngino (zn-
sammen mit seinem Schüler Pintnricchio)
gemalt. Im Jordan vollzieht der Täufer
eben die Zeremonie an Jesus, über welchem
der Heilige Geist schwebt und Gottvater
als Halbfignr in einer von Engeln um-
gebenen Aureole sichtbar wird. Mehrere
andere Bußfertige warten schon entkleidet
ans den Empfang der Wassertanfe. Beider-
seits füllen den Vordergrund andächtige
Zuschauer, meist Porträtgestalten. Im
Hintergrund predigt auf der einen Tal-
seite Johannes, auf der anderen auch schon
Jesus einer lauschenden Volksmenge. Die
I Predigt Jesu steht nicht im Einklang mit
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